Berlinale 2009 - 7. Tag
Heute befassen sich die Kritiker mit den Filme von Chen Kaige, Peter Strickland, Mitchell Lichtenstein, Maren Ade, Rachid Bouchareb, Annette K. Olesen, Adrián Biniez, George Tillman Jr., Riri Riza, Gus Van Sant, Julie Delpy, Richard Brouillette, Yoav Shamir, Lee Yoon Ki, Garin Nugroho, Thomas Heise.
WETTBEWERB
Wolfgang Höbel von Spiegel Online hat mit Forever Enthralled von Chen Kaige ein "Fest historischer Eleganz in nüchtern schwelgerischen, wie mit dem Zirkel ausgemessenen Bildern" und "schriller Musik". Über Katalina Varga von Peter Strickland schreibt Höbel: "Bei allen Mängeln in der Feinmotorik aber entwickelt der Film eine grimmige Wucht, von der man abgebrüht sagen kann, dass sie osteuropäisch, oder hochtrabend, dass sie biblisch ist. Ein außergewöhnlicher Klotz von Film ist Katalin Varga auf jeden Fall". Leider eher "ein wenig hilflos mit dem Holzhammer zurechtgeklopft" sei Mitchell Lichtensteins US-Familiendrama Happy Tears, "hübsch drastisch und schwer übersteuert, als wolle man Jonathan Franzens "Korrekturen" mit ein bisschen American Beauty und einem Hauch von Woody Allen aufpeppen".
Cristina Nord von der taz zieht ein resigniertes Zwischenfazit: "Zu den Stärken der Berlinale gehört eine Programmschiene nicht: der Wettbewerb. Das hat bedauerlicherweise Tradition. In den Vordergrund schieben sich immer wieder Filme, die sich eines wichtigen, bedeutsamen Themas annehmen. Was freilich nicht bedeutet, dass sie diesem Thema gerecht würden. Radikalität, Wagemut, lart pour lart, neue kinematografische Formen - all das findet sich nur vereinzelt. Es ist in diesem Jahr nicht viel besser - jedenfalls bisher nicht."
Der bisherige "Höhepunkt" des Wettbewerbs ist für sie Alle Anderen von Maren Ade: "Er ist schön, gerade weil er nicht viel will. Ein Paar in der Krise porträtieren, ist alles, was er tut, und das macht er mit einem bemerkenswerten Sinn für die Subtexte von Dialogen und Gesten. Obwohl er sich an keiner Stelle politisch gebärdet, erzählt er etwas davon, wie Gesellschaftliches und Privates ineinanderfließen."
Sturm von Hans-Christian Schmid, London River von Rachid Bouchareb und Little Soldier von Annette K. Olesen führt Nord als Beispiele für Filme auf, die " overscripted" seien: "Das Drehbuch will zu viel." Gigante von Adrián Biniez sei immerhin "ein passabler Film mit wunderbaren Slapsticksequenzen".
Diedrich Diederichsen (taz) erklärt uns, dass der Film Notorious von George Tillman Jr. (außer Konkurrenz) über den ermordeten Rapper The Notorious B.I.G. von Personen aus seinem Umfeld mitfinanziert wurde: "Damit ist dann auch klar, dass der Rest dieses Biopics eine linientreue Lektüre des nicht immer ganz linientreuen Lebens eines mittelinteressanten Rappers bleibt, der zwei, drei Knaller auf seinem Debütalbum und einige in ihrer Monstrosität erwähnenswerte Werke auf dem anderen, posthum erschienen Produkt vorweisen kann. Bei der hektisch abhakenden Bebilderung dieser kurzen Karriere möchte man zwei-, dreimal anhalten und sich eine Sache genauer erklären lassen."
Christiane Peitz vom Tagesspiegel schreibt über Katalina Varga von Peter Strickland: "Nichts gegen Filme von biblischer Wucht, nichts gegen den Transfer antiker Tragödien in die Gegenwart. Der funktioniert allerdings nicht über einen plumpen Requisiten-Mix mit Pferdekarren und antiquiert-armseligen Bauernkaten, in denen ab und zu ein Handy-Klingelton dudelt."
Ihr vorläufiges Fazit des Wettbewerbs lautet so: "Zwei Tage vor der Bären-Vergabe biegt der Wettbewerb in die Zielgerade ein. Außer der Moral bietet er bislang ein breites, solides Mittelfeld, beachtliche, ernsthaft oder elegant mit ihrem Sujet ringende Filme wie Gigante, Alle Anderen, The Messenger oder Chéri. Das ist viel, aber bei nur 18 Bären-Konkurrenten, die von wuchernden Außer-Konkurrenz- und Special-Programmen schier erdrückt werden, längst nicht genug."
Die Frankfurter Rundschau porträtiert Alice Waters, Mitglied der Berlinale-Jury und
Vize-Präsidentin der Slow-Food-Bewegung. Die FAZ hat ein Interview mit Christoph Schlingensief geführt, der ebenfalls Mitglied der Wettbewerbsjury ist.
PANORAMA
Bert Rebhandl schreibt in der FAZ über Laskar Pelangi/Die Regenbogenkrieger von Riri Riza: "Und gerade mit diesen kommerziellen Signalen stellt Laskar Pelangi auch eine Art Testfall für ein internationales Filmfestival dar, bei dem eine Geschichte dieser Art wohl eher als Problemfilm zu erwarten wäre denn als unverhohlene Feier des islamischen Schulwesens und einer mystisch-pädagogischen Mütterlichkeit, unter deren schützende Arme sich die armen Kinder von Belitong flüchten können".
Thomas Abeltshauser von der Welt hat sich Milk von Gus Van Sant angeschaut, Ines Kappert ( taz) The Countess von Julie Delpy.
FORUM
Laut Martin Girod von der NZZ bietet das Programm nicht nur inhaltlich provokativen Filmen eine Plattform, sondern ebenso den "gestalterisch alternativen". In dem Dokumentarfilm L'Encerclement des Kanadiers Richard Brouillette entspreche der "gedanklichen Radikalität seiner Bilanz" die "rigorose Gestaltung des in zehn Kapitel gegliederten Schwarz-Weiss-Films". Yoav Shamir bringe in Defamation "fast wie ein Advocatus Diaboli" jeweils die Argumente des vorherigen Interviewpartners "in das Gespräch mit dem nächsten ein" und ermögliche so "jenen Dialog virtuell, der in der Realität zwischen den Exponenten kaum stattfindet". Im Spielfilmangebot sei dieses Jahr aufgefallan, wie viele der Beiträge "sich Zeit lassen und ganz dezidiert eine ästhetische Gegenposition zur Videoclip-Hektik einnehmen, die das Mainstreamkino oft prägt". My Dear Enemy von Lee Yoon Ki "vertraut ganz der Tragkraft seiner beiden Hauptfiguren, die gerade die scheinbar handlungsleeren Übergangsmomente zum dichten Erlebnis werden lassen". Jeder Kategorisierung widersetze sich The Blue Generation von Garin Nugroho.
Detlef Kuhlbrodt (taz) hat Thomas Heises 166-minütiges Material aus den letzten Tagen der DDR gesichtet.
SONSTIGES
Für seinen Kurzfilm Please Say Something hat der irische Regisseur David OReilly den ersten Goldenen Bären gewonnen; der silberne Bär in der Kategorie Kurzfilm ging an den Briten Daniel Elliot; Spiegel Online und der Tagesspiegel berichten.
Daniel Kothenschulte schreibt in der FR anlässlich der Retrospektive:"Niemand, der vorab über diese Retrospektive berichtete, konnte den tatsächlichen Eindruck der Filme vorhersehen. So sind viele 70mm-Filme offensichtlich gar nicht so sehr mit Blick auf die Bildwirkungen produziert, sondern wegen des magnetischen Stereo-Tons".
Peter Körte von der FAZ hat während der Berlinale verständliche und sinnlose Gesten gesehen, letztere von Moritz de Hadeln auf dem roten Teppich.
Diedrich Diederichsen setzt seine Kolumne in der taz fort.
