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Aktualisiert am 04.05.2006

Filmkritik:

Brokeback Mountain

Brokeback Mountain

USA 2005 R: Ang Lee D: Heath Ledger, Jake Gyllenhall, Ann Hathaway, Michelle Williams, Randy Quaid, Kate Mara, Linda Cardellini, Graham Beckel, Mary Liboiron, Anna Faris, David Harbour Filmwebsite
Der Ranch-Helfer Ennis Del Mar und der Rodeo-Cowboy Jack Twist kommen sich 1963 beim Schafehüten in den Bergen von Wyoming nicht nur beruflich näher. Ihre Wege trennen sich jedoch wieder, beide gründen Familien, doch ihre Leidenschaft für einander lässt sie über Jahrzehnte hinweg immer wieder die Nähe des anderen suchen.

Brokeback Mountain ist "nicht zuletzt dank seiner brillanten und mutigen Hauptdarsteller Heath Ledger und Jake Gyllenhaal auch immer universell nachvollziehbar, ein großartig emotionales Filmerlebnis, das nachhaltig fesselt", jubelt Blickpunkt:Film.

"Von einer universellen Liebesgeschichte kann (...) nicht die Rede sein", widerspricht Elisabeth Bronfen in epd Film. Auch "das Etikett 'schwuler Western'" greife zu kurz, schreibt sie in einer ausführlichen Analyse des "großen Films".

Jan Feddersen (taz) schreibt beeindruckt: "Was Brokeback Mountain zu einem gewaltigen Stück Kino macht, ist, dass man diese Geschichte und all die anderen Nachrichten aus der Welt des Hasses gegen Homosexuelle glaubt. Sich aber, weil es ein schöner Film ist, in ihr erkennt - und so etwas wie Anteilnahme empfindet für die beiden. Meisterliche zweieinviertel Stunden, und zwar deshalb, weil alle Klischees nicht nur verletzt werden, sondern wie verschwunden scheinen."

Adriano Sack von der Welt am Sonntag merkt an, dass Brokeback Mountain trotz seiner unkonventionellen Konstellation "ein altmodischer Film" sei, "der mit schwelgerischen Landschaftsaufnahmen und psychologischer Präzision arbeitet. Und der ganz ungebrochen von der Kraft der Liebe erzählt." Das Bestechende an diesem Film sei "seine Gradlinigkeit". Er sei "so frei von postmodernen Kniffen, daß es eine Erfrischung ist".

" Brokeback ist ein Meilenstein, weil er Homosexualität normalisiert", meint Hanns-Georg Rodek von der Welt: "Bisher hatte Kino Schwulsein verdammt, bemitleidet, gefeiert oder eine bürgerrechtliche Lanze dafür gebrochen. Für Ang Lee jedoch ist die Tragödie von Ennis und Jake allgemeingültig wie die von Romeo und Julia, eine von den Konventionen verbotene Liebe, deren Tabu-Grund zufällig das Geschlecht ist, aber genauso in Stand, Religion oder Volkszugehörigkeit begründet sein könnte."

"Der Film (...) zeigt eine ganz unerwartete und bewegende Großartigkeit in der Art, wie seine Bilder das Ungebändigte, Elementare dieser Leidenschaft und dieser Natur zusammenbringen. Er feiert das eine im andern", schreibt Urs Jenny vom Spiegel. Dass das gelinge, sei "natürlich auch die Leistung der beiden 'Stars' Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, die mit der eckigen Anmut junger Stiere aufeinander losgehen, des Kameramanns Rodrigo Prieto, der die riesigen Himmel leuchten lässt, und des Komponisten Gustavo Santaolalla, dessen Country-Musik mit einem zarten, elegischen Pathos die Spannung hält".

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel gerät arg ins Schwärmen: "Natürlich ist es so, dass auch Heteros und Heteras, so sie denn this thing namens Liebe schon mal gefühlt haben, gar nicht anders als weinen können in Brokeback Mountain. Und das ist unbedingt schön so. Und vielleicht schon die tiefste Kunst dieses leisen, präzisen, wunderbar bewegenden Films über das einzig wichtige Gefühl der Welt: dass jeder und jede Ennis und Jack einfach lieben muss, weil sie sich lieben."

Verena Lueken von der FAZ erzählt ausführlich die Handlung des Filmes nach, um dann zu schließen: "Vieles über einen Film zu wissen hat selten so wenig ersetzt, selber zu schauen, wie hier." Besonders hat es ihr einer der beiden Hauptdarsteller angetan: "Doch es ist Heath Ledger in der Rolle des schweigsamen Ennis, der den Film mit seiner ernsten Art beherrscht." Sein Spiel sei "von so unendlicher Sehnsucht und so fern jeder Attitüde, daß es alle Preise verdient, die Ledger für diese Rolle gewonnen hat, auch wenn kein Oscar dabei war."

Auch Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau) zeigt sich beeindruckt: "Ang Lee ist niemand, der Zäune einreißt, aber er ist ein begnadeter Vermittler. Stets argumentiert er über den Weg der Empfindung. Brokeback Mountain gibt jedem ein Gefühl dafür, wie sich eine solche Liebe anfühlt und weckt schließlich eine so tiefe Wehmut nach etwas Ähnlichem, dass mancher sein eigenes Leben dabei in Frage stellt. Tatsächlich weckt er auch die Sehnsucht nach einem ähnlichen Kinoerlebnis. (...) Brokeback Mountain ist ein Film, so klar und unverstellt, als könne man Kino machen wie beim ersten Mal."

Christina Nord von der taz schreibt: " Brokeback Mountain führt die Geschichte seiner schwulen Figuren zu etwas zurück, was im schwullesbischen Mainstreamkino rar geworden ist. Denn Lee verhandelt nicht nur das Drama einer repressiven Gesellschaft, wie man es in jedem Coming-out-Film vorgeführt bekommt. Vielmehr als das interessiert ihn das Drama des Selbsthasses, der Selbstverleugnung und der Scham. (...) Indem Ang Lee auf jede sentimentale Geste, jede süßliche Wendung verzichtet, gibt er dem Kino - zumal dem schwullesbischen - etwas Essenzielles zurück: Ohne Sinn für Tragik lässt sich vom verpassten Leben nicht erzählen."

"Der meistgepriesene Film der Saison ist vielleicht auch der am gründlichsten missverstandene", meint Evelyn Finger (Zeit): " Von einer 'bahnbrechenden', 'revolutionären' Liebesgeschichte schwärmten die amerikanischen Kritiker, von einem schwulen Western, der gegen die Grundregeln des machistischen Genres verstoße. In Wahrheit ist Brokeback Mountain nicht Antithese, sondern Renaissance des Westerns. Er lässt den Mythos vom starken Naturburschen wieder aufleben. Er weckt die alte Sehnsucht nach einem frontier-Dasein jenseits der auf Konvention gebauten Städte. (...) So bildet Ang Lee die zentralen Topoi des Genres beinahe sklavisch nach. Zugleich aber unterläuft er sie durch einen genialen Trick: Der taiwanesische Regisseur inszeniert die schwule Liebe als Gipfel des Nonkonformismus und erklärt sie damit zur naturgemäßen Passion des Westernhelden."

Philosoph Slavoj Zizek klärt uns in der Frankfurter Rundschau über den Film auf: "Zuallererst sollten wir uns darüber klar sein, dass Brokeback Mountain nur wenig mit unserer Gegenwart zu tun hat. Gezeigt wird eine tragische Romanze in einem doch schon einige Dekaden zurückliegenden Amerika. Einen liberalen, zumal großstädtischen Kinogänger heute wird die Liebesgeschichte zwischen zwei Männern kaum berühren, allenfalls wird er eine gewisse Genugtuung über einen längst gewonnenen Kampf verspüren: Der Film, den er sich ansieht, behandelt kein aktuelles Problem."

"Die wunderbaren, nur selten melancholischen Naturaufnahmen täuschen für Momente darüber hinweg, dass Regisseur Ang Lee eine Geschichte der Pullitzerpreisträgerin Annie Proulx verfilmt hat, die so traurig ist, dass einem das Herz eng wird", schreibt Silke Lode (Süddeutsche Zeitung). "Multitalent Ang Lee" (...) und den Hauptdarstellern Heath Ledger und Jake Gyllenhaal gelinge "der Balanceakt, Mitgefühl, aber kein Mitleid zu wecken."

Die Welt meditierte darüber, was es bedeutet, dass Ang Lees Film als großer Oscar-Favorit galt. Spiegel Online sieht in dem Erfolg des Films noch keine Renaissance des schwulen Kinos. Nina Rehfeld (Spiegel Online) schildert, wie der Film in den USA aufgenommen wurde. Die Reaktionen der US-amerikanischen Öffentlichkeit auf die schwulen Cowboys beleuchtete auch der Tagesspiegel. Die taz schreibt allgemein über Hollywoods Darstellung von Schwulen und Lesben. Spiegel Online meldet, dass "Brokeback" zum Filmwort des Jahres in Hollywood gewählt worden ist.

Uh-Young Kim schreibt in der taz über "Westernhybride" wie Brokeback Mountain. Verena Lueken von der FAZ vergleicht den Film mit anderen Oscar-prämierten Western.

Interviews mit Ang Lee über den Film finden sich in der Welt, nochmal in der Welt, der Frankfurter Rundschau, dem Filmdienst, der NZZ, der taz und der FAZ. Die FAZ hat sich auch mit dem Schauspieler Jake Gyllenhaal unterhalten.

Die Frankfurter Rundschau hat sich auf die weite Reise nach Jackson Hole, dem Schauplatz des Films, gemacht.

Der Film gewann auf den Filmfestspielen von Venedig 2005 den Goldenen Löwen für den besten Film. Das Presseecho von damals finden sie hier, hier, hier, hier und hier.

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