Filmkritik:
Erbsen auf halb 6
D 2004 R: Lars Büchel D: Fritzi Haberlandt, Hilmir Snær Guðnason, Harald Schrott, Tina Engel, Jenny Gröllmann, Alice Dwyer, Max Mauff Filmwebsite
Durch einen Autounfall hat der Theaterregisseur Jakob sein Augenlicht und jede Lebensperspektive verloren. Sein einziger Wunsch ist es nur noch seine totkranke Mutter in Russland zu besuchen. Seine ebenfalls blinde Therapeutin begleitet ihn auf der Reise. Für Blickpunkt Film ist dies eine "ungewöhnliche Liebesgeschichte" mit "trockenem Humor" im "Stil von Kaurismäki und Kusturica". Der Film versinnbildliche "effektiv und besonnen und mit großer Sensibilität" wie "Nicht-Sehende empfinden und reagieren", und habe "mit dem Isländer Hilmir Snaer Gudnason und dem Berliner Theaterstar Fritzi Haberlandt die denkbar charmanteste und beste Besetzung für sein gewagtes Experiment gefunden".
Horst Peter Koll vom Filmdienst ist tief beeindruckt wie der Regisseur die "schwierige, und unter den strengen Kriterien von Logik und Verstand nahezu unlösbare Konfliktsituation" meistert. Ihm gelinge nahezu immer "der Spagat auf dem schmalen Grat von absichtsvollem 'Kitsch' und lustbetonter Ironie". Tatsächlich sei es "ein kleines 'Wunder', wie souverän Büchel die Sinne des Zuschauers lenkt und für eine andere, 'innere' Logik und Glaubwürdigkeit der Geschichte sensibilisiert." Nicht zuletzt bildeten die beiden Hauptdarsteller hierfür "ein nahezu ideales Traumpaar".
Rundum zufrieden ist auch Elmar Krekeler ( Welt): "Lange ist kein Film mehr derart traumwandlerisch sicher durchs Minenfeld der Klischees gekommen." Büchel spiele die beiden Themen des Films, das Sehen und die Liebe, "virtuos" aus, "großartig" sei Fritzi Haberlandt und "stark", Hilmir Snaer Gudnason.
Kerstin Decker vom Tagesspiegel ist nicht ganz so überzeugt: Denn ihrer Meinung nach will der Film einfach zu viel: "Mindestens die Hälfte der Zutaten müsste man wegnehmen, in beinahe jeder Szene. Denn das Zuviel ist eine Ursünde des Kinos: Es heißt, seiner eigenen Geschichte zu misstrauen. Dabei ist die Geschichte denkbar stark."
Gunter Göckenjan von der Frankfurter Rundschau zieht hart vom Leder: "das Seichte im Prunkkostüm ist Büchels Spezialität", aber genau das sei es, was den Filmförderern gefalle: "Man nennt das gerne anspruchsvolle Unterhaltung - treffender wäre: weichgespülte Kunst aus dritter Hand." Denn, die Reise der beiden Protagonisten sei leider nur ein "Ausflug durch exotische Versatzstücke des Kunstkinos", ein bisschen Theo Angelopoulos hier, ein bisschen Emir Kusturica dort. "An Büchels Bildern hängen die Begriffe 'magischer Realismus' und 'Poesie' wie 'Spaß' und 'Entspannung' an Zigarettenwerbung."
Kritisch ist auch Andreas Kilb von der F A Z: "Der Film eines Könners, das sollte Erbsen auf halb 6 werden. Es ist ein angestrengter Könnerfilm geworden, eine jener knalligen Talentproben, an denen im deutschen Kino derzeit kein Mangel herrscht." Statt dessen gibt es noch ein großes Lob für Fritzi Haberlandt, sie sei die eigentliche "Könnerin". Die "Selbstverständlichkeit, mit der sie Lillys Blindheit spielt, verschlägt einem die Sprache".
In der Welt am Sonntag meint der Blinde Kinoexperte Heiko Kunert, ein solcher Film trage zum "Bild der sehenden Menschen über uns erheblich bei". Als "romantischer, anrührender Liebesfilm" sei Erbsen auf halb 6" gelungen, aber bei der Darstellung des blinden Alltags "bedient er Klischees". Der Humor werde gar in einigen Szenen "ins Würdelose getrieben".
Gerda Wurzenberger von der s meint, im Grunde hätte dieser Film "alles, was es braucht, um eine märchenhafte und doch realistische Geschichte komisch und mitreissend in Szene zu setzen", es sei aber nur ein "ganz netter Film mit ein paar sehr schönen Szenen" geworden.
Die taz porträtiert Hauptdarstellerin Fritzi Haberlandt, die Welt auch. Der Filmdienst hat mit Regisseur Lars Büchel gesprochen.
Infos zu diesem Titel
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 2.0, Dolby Digital 5.1)
• Untertitel: Englisch
• Bildformat: 16:9, 2.35:1
• Dolby, Surround Sound, PAL
• Laufzeit: 107 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 2. Dezember 2004
• Produktion: 2003
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