Filmkritik:
Jarhead - Willkommen im Dreck
(Jarhead) USA 2005 R: Sam Mendes D: Jake Gyllenhaal, Peter Sarsgaard, Lucas Black, Jamie Foxx, Chris Cooper, Scott MacDonald, Tyler Sedustine, Jacob Vargas, Laz Alonso Filmwebsite
Eine Einheit junger Marines wird in den ersten Golfkrieg abkommandiert, ohne dort jemals zum Einsatz zu kommen, denn die Infanterie ist durch den Einsatz von Präzisions-Bomben weitgehend überflüssig geworden. Die Frustration und Aggression der Männer steht im Mittelpunkt des Films, der einen autobiografische Erfolgsroman von Anthony Swofford als Vorlage benutzt.
Wer eine Auseinandersetzung mit der Irak-Politik erwartet, "sitzt im falschen Film", stellt Franz Everschor vom Filmdienst fest; auch wer einen "Kriegsfilm vorzufinden hofft, wird enttäuscht". Dafür sehe man einen Film "voller übertrainierter, zu Tode gelangweilter, einsamer Männer, die mit ihrer aufgestauten Kraft nichts anzufangen wissen". Dass die Romanverfilmung so gründlich schief gelaufen sei, liege daran, dass man die Erwartungen des Actionkinopublikums nicht habe enttäuschen wollen. Außerdem irritierten die Anstrengungen des "zweifellos begabten" Regisseur Sam Mendes, einen "asthetischen Überbau zu schaffen, dessen die Story nicht bedarf".
Blickpunkt:Film spricht wohlwollend von einem "interessanten, bisweilen messerscharfen Zeitkommentar", der sich "in Bild und Ton vor den Giganten des Genres verneigt, dabei aber auch ganz anders ist".
"Wie nimmt ein Fußsoldat einen Krieg wahr, der aus der Luft entschieden wurde?" Michael Tokarski von der Welt am Sonntag lobt, wie sehr sich der "Stilist Mendes"bei der Beantwortung dieser Frage zurücknimmt. Seine Kamera beobachte "fast nur auf Augenhöhe", es gibt "keine Kranaufnahmen und keine Luftbilder". So gelänge ihm "etwas Seltenes: einem Krieg neue Bilder abzugewinnen", die zum Teil "voller Kraft und Poesie" seien.
Für Jakob Augstein von der Zeit ist es "skandalös und unmoralisch und vollkommen neu", dass Jarhead einen symphatischen Protagonisten zeigt, der "ernsthaft Bock aufs Ballern hat. Der endlich einen Iraker umlegen will. Einfach so. Kein Hass, keine Rache, weder Pflicht noch Trauma, noch Wahn. Nur Lust aufs Jagen und Töten. Und dessen größtes Problem dann darin besteht, dass es dazu niemals kommt".
Für Jan Distelmeyer von der taz ist die Entscheidung, aus der Perspektive des Soldaten Anthony Swofford zu erzählen, das Hauptproblem des Films. Zum "abermillionsten Mal den Krieg als Erfahrung von Soldaten zu repräsentieren", sei "hochgradig politisch" und der Ideologie verpflichtet, Krieg im Kino "als Frontschwein-Happening zu inszenieren". Distelmeyer fragt sich, wer eigentlich bestimmt hat, dass es "mich immer zuerst und vor allem zu interessieren hat, wie sich Soldaten fühlen, sobald es um einen erklärten Krieg geht".
Auf Christian Schröder vom Tagesspiegel wirkte Jarhead "in seiner Strenge fast dokumentarisch". Das "Erschreckende" liege darin, dass er den Zuschauer mit seinen "eigenen Killerinstinkten" konfrontiere.
In den USA beschäftige man sich nicht gerne mit dem ersten Golfkrieg, und deshalb "kann also nur verlieren, wer diesen Stoff anpackt", meint Peter Körte von der FAZ. Mendes müsse auch "zwei Stunden lang mit der Gefahr ringen, daß sich die ätzende Langeweile des Soldatenlebens auf der Leinwand reproduziert, daß die Monotonie der Verrichtungen sich in einen monotonen Film verwandelt". Die "Routine des Kriegsfilms" breche der Regisseur dadurch auf, dass er sie "nicht aufhören läßt, weil auf die Vorbereitung eben nicht Kampf, Bewährung, Überleben oder Tod folgen". Jarhead ist für den Kritiker von einer "tiefen Ambivalenz, die weit über die politische Einschätzung des Golfkriegs hinausreicht", und damit habe Mendes "das meiste richtig gemacht".
Für Michael Kohler von der Frankfurter Rundschau hat Mendes die "eigentliche Mission" erfüllt: die "Rückeroberung des Krieges als Kinostoff". Die Stärken von Jarhead liegen in einer "präzisen Mise-en-scène" und dem "großartigen Raum- und Farbgefühl" des Kamermanns Roger Deakins, meint der Kritiker. Der Schöngeist Mendes schrecke aber vor der "konsequenten Erkundung der soldatischen Männerfantasie" letztlich zurück.
Andreas Borcholte schreibt im Spiegel, Jarhead sei sowohl ein "guter Kriegsfilm" als auch ein "guter Anti-Kriegsfilm". Die "ständige Brechung des Kriegsalltags mit bekannten Zeichen und Bildern" verliehen diesem "intelligenten, bildgewaltigen und brillant gespielten" Film eine "subtile Komik".
Jarhead läßt sich in vielem wie eine aktuelle Neuauflage von Kubricks Full Metal Jacket ansehen, meint Peter Zander von der Welt. Im Unterschied zu Kubricks Film sind die Marines "in diesem Krieg keinem Feind ausgesetzt, nur sich selbst." Mendes habe "eine Allegorie fast in der Tradition des Absurden Theaters geschaffen. Eine Art 'Warten auf Godot' in Kuwait".
Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung hält es für die "schwerste Aufgabe eines Filmemachers, und die schönste zugleich - einen Film zu machen, der keine wirkliche Handlung, keine Action kennt. Zu zeigen, wie die Zeit vergeht, die Zeit selber filmen, in ihrer Monotonie und ihren Erwartungen". Als "Bühnenmensch" traue Mendes "dieser Kraft des Kinos nicht", deshalb spiele er "immer wieder die Exzesse aus". Gegen Ende werde der Film dann "endgültig zur theatralischen Inszenierung, zum Theater des Krieges".
Alexandra Stäheli (NZZ) zeigt sich hingegen sehr beeindruckt: Es sei "nicht nur die Darstellung der leeren Rituale einer selbstbezogenen Militärmaschinerie, die Mendes' Werk zu einem subtilen, zuweilen auch in kurzen surrealen Tableaus kulminierenden Antikriegsfilm macht; auch die Tatsache, dass Anthony und seine Kameraden nicht die Chance bekommen, jene Kriegshelden zu werden, zu denen sie nicht zuletzt durch die Vietnam- Generation vorschnell hochstilisiert werden, wirft ein seltsames Licht auf die Spanne zwischen De-Subjektivierung und Starkult, in der sich ein Leben (und Sterben) als Soldat in der amerikanischen Armee zu bewegen scheint."
Der Spiegel porträtiert Peter Sarsgaard. Die Süddeutsche Zeitung hat sich mit Peter Saarsgard unterhalten. Außerdem schreibt Andrian Kreye in der SZ darüber, wie sich jeder Krieg seine "eigene Popkultur" schafft.
Die FAZ, die Welt und der Spiegel haben Sam Mendes interviewt.
Was läuft wo?
Welcher Film, welche Stadt, welches Kino, welche Uhrzeit - finden Sie's raus mit dem
Cinema-Kinotimer



























