Filmkritik:
Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders
D 2006 R: Tom Tykwer D: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Corinna Harfouch, Birgit Minichmayr, Sian Thomas, Sam Douglas, Karoline Herfurth, Carlos Reig, Paul Berrondo, 147 Min. Filmwebsite
Im vorrevolutionären Frankreich ermordet der Sonderling Jean-Baptiste Grenouille zahlreiche junge Frauen, um aus deren Duft das perfekte Parfüm herzustellen. Nach dem Roman von Patrick Süskind.
"Eine Ersatzlösung für den Geruch zu finden und sie so überzeugend zu gestalten wie Patrick Süskinds Ersatzlösung aus Worten", darin lag die "große Herausforderung" der Verfilmung, meint Hanns-Georg Rodek von der Welt. Tykwers Ansatz sei "visueller Art", er bediene sich "aller bekannten cineastischen Mittel von der Großaufnahme bis zur Zeitlupe, inklusive der Tykwer-typischen rasenden Kamerafahrten". Was wir aber insgesamt sehen, sei eine "Eichinger-Produktion, kein Tykwer-Film", die zur Schau stelle, "wo ihre 50 Millionen Euro geblieben sind" und es schaffe, "dem Zuschauer jegliche Beunruhigung zu ersparen". Tykwer habe sich inhaltlich "entmündigen" lassen.
Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel ist enttäuscht: "Gute Absichten, leere Wirkung: Nichts geht auf in diesem Film". Es gedeihe "die Langeweile - auf, zugegeben, gehobenem Niveau".
"Auf die Nase gefallen" seien Eichinger und Tykwer, witzelt Harald Peters von der Welt; ihm blieb "völlig unklar, was der Film eigentlich soll. Er ist nicht spannend, nicht lustig, nicht abstoßend, nicht tiefsinnig, nicht beeindruckend, ja, er ist nicht einmal schlecht. Der Film scheint einfach nur zu existieren, weil Bernd Eichinger sich dachte, das Buch müsse man doch unbedingt mal verfilmen und dann mit Tom Tykwer einen Regisseur fand, der sich sagte: Wieso nicht?"
Katja Nicodemus von der Zeit verreißt den Film: "Das Parfum ist das Werk eines beflissenen Illustrators, der den Roman nicht als Pforte zur eigenen Vorstellungswelt zu nutzen weiß", schreibt sie. Es handele sich um ein mit viel Aufwand hergestelltes "biederes Werk", um einen Film, "der schon beim Verlassen des Kinos auf ein paar Naseneinstellungen im Kostümmuseum zusammenschrumpft".
Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung meint, aus dem Roman, dieser "frechen Pulp-Geschichte", hätte ein "tolles kleines dirty movie" entshehen können, "wie man sie einst in den Vierzigern, später noch mal in den Siebzigern machte". Die Produzenten des Films aber hätten auf den Weltmarkt gezielt und beweisen wollen, dass man "in Deutschland großes internationales Kino machen kann". Eichinger und Tykwer hätten die "große Synästhesie", den "ersehnten Filmorgasmus" nicht hinbekommen, immer wieder sehe es aus, "als hätte man sich große Aufgaben gestellt und versucht, sie fehlerfrei zu lösen".
In einer zweiten Besprechung formuliert Göttler (Süddeutsche Zeitung) etwas zurückhaltender: "Der großen Herausforderung aber entzieht sich das Parfum, das Experiment, Duftstoffe zu bebildern, wird nach ein paar zaghaften Computertricks an die Musik delegiert - die Herrschaft der Duft-Akkorde."
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau spöttelt, Tykwer habe die "nächstliegende Darstellungsform (...) weidlich genutzt", nämlich "die Schnittfolge Schuss-Nase-Gegenschuss". Etwas Positives wollte dem Kritiker, der sich wie in der "Parfümabteilung" vorkam - "man riecht mehr, als man möchte" - schlechterdings nicht einfallen, viel Negatives hingegen schon: die "digital simulierten Kulissen" atmeten nicht, die "Orgie" wirke "seltsam gebremst", und offensichtlich misstraue Tykwer seinen Bildern und verfalle in einen "mitunter hektischen, uneinheitlichen Stil".
Eine freundliche Stimme haben wir dann doch noch entdeckt: " Das Parfum ist spektakuläres Kommerzkino, kein Kunst-Film, sondern publikumswirksames Kunstgewerbe - allerdings auf bemerkenswertem Niveau, (abwechslungs-)reich an visuellen Einfällen und trotz der ausufernden Länge höchst unterhaltsam", meint Horst Peter Koll vom Filmdienst. Tykwer jongliere geschickt mit dem "poetisch-'dekorativen' Postulat" des Romans; mit "berauschenden Bildkompositionen" und "schönen Frauen", aber auch mit dem "'gestylten' Schick von Schmutz und Unrat" bediene er die "attraktive Oberfläche der Erzählung". Die "Psychologie der Figuren" und die "soziokulturellen Aspekte der Epoche" würden nur angedeutet, aber "nie vertieft". Vielleicht, hofft der Kritiker, habe Tykwer hier die "Geburtsstunde des bislang schmerzlich vermissten attraktiven deutschen Großkinos" eingeleitet, als "legitimen Parallelweg neben dem Autorenkino, vor allem aber neben dem Einheitsbrei der öden Fernsehkonfektionsware".
"Wäre Das Parfum ein Duft, das Urteil müsste lauten: In der Kopfblüte pompös, in der Herznote zu aufdringlich, und im Nachklang bleibt nichts übrig", meint Dietmar Kammerer (taz). Er hatte so etwas aber schon befürchtet: "Nun, bei 50 Millionen Euro Produktionskosten, drei Jahren Vorbereitung, einer Besetzung aus Großbritannien, den USA und Deutschland, ganz zu schweigen von den 5.200 historisch kostümierten Statisten, sollte man nichts anderes erwarten als ein technisch perfekt inszeniertes Spektakel ohne Innenleben." Unter "dem Druck, alles vor Augen stellen zu müssen", habe Tykwer "lauter Bilder geschaffen, die von nichts anderem sprechen als ihrem eigenen Visualisierungszwang".
"Tykwers Parfum riecht nach Kulisse und Gigantomanie" - so empfinmdet es jedenfalls Alexandra Stäheli von der Neuen Zürcher Zeitung, die den "akribisch arrangierten Bildern" von Kameramann Frank Griebe "höchste Suggestionskraft" attestiert. Auf der erzählerischen Ebene aber finde der Film seine Linie "nur schwer", "trotz oder vielleicht gerade wegen all des ästhetischen Aufwands, der genuinen Dreckschlachten, zeitgenössischen Kostüme und handbemalten Knöpfe".
Jenny Hoch von Spiegel Online stellt fest, Tykwer habe, um die "Komplexität der literarischen Vorlage in den Griff zu kriegen", einen Erzähler hinzuerfunden; Resultat dieses "inszenatorischen Kniffs" sei, dass die Schauspieler wenig Dialogszenen hätten und das nachspielten, worüber der Erzähler gerade gesprochen habe. "Spröde" schleppe sich der Film dahin, bei aller "stilistischen Raffinesse" bleibe er "plakativ - aufdringlich wie schlecht gemischtes Parfüm".
"Tykwers Regie und Eichingers Produktion ist eine lang ersehnte Literaturverfilmung von überdurchschnittlicher Qualität gelungen", schreibt Peter V. Brinkemper in telepolis. An vielen Stellen sei der Film von "kraftvoller Plastizität und wohltuend gegen den Strich des gewöhnlichen Unterhaltungs- und Starkinos gekämmt". Der "anfänglich packende Rhythmus der Bilder" werde immer dann ausgebremst, wenn Regisseur oder Produzent "nervös nach dem Mainstream zu schielen beginnen, statt der Duftpalette des Buches zu vertrauen".
Auch Raimund Gerz' Kritik für epd Film fällt nicht unfreundlich aus: dies sei kein Film geworden, in dem "die Ausstattung die Story dominiert"; immer wieder versuche Tykwer auch "Bilder für Grenouilles absolutes Geruchsvermögen wie die Wirkung der von ihm kreierten Essenzen zu finden", was ihm recht gut gelinge. Insgesamt bleibe der Film jedoch dem "bewusst anachronistischen Erzählgestus" des Romans verbunden, allerdings "ohne dessen Abgründe auszuloten".
Es gebe eine "ungeschriebene Regel, ein Buch nicht gegen seine Verfilmung auszuspielen", weiß Peter Körte von der FAZ, doch leider habe man hier "ganz schnell das Gefühl, die Filmemacher selbst hätten diese Regel umgangen, weil sie zu sehr am Buch kleben, weil schon in den ersten Minuten Otto Sander aus dem Off Süskinds Sätze rezitiert, weil es Momente gibt, in denen der Film den Roman auf groteske Weise wörtlich nimmt". Das Parfum sei gescheitert, "nicht weil das Buch unverfilmbar ist", sondern "weil es den Roman zu sehr verfilmt". Als "Abfolge beschwörender Gesten" erschien dem Kritiker der Film, dessen Bilder von all den "geruchsintensiven Dingen" "chemisch gereinigt" wirkten. Gegen Ende komme dann auch noch eine "klebrige Sentimentalität" ins Spiel, die "alles, was man bis dahin gesehen hat, dementiert".
Die Frankfurter Rundschau, der Tagesspiegel, die Welt und der Filmdienst haben Tom Tykwer befragt, die taz, die Süddeutsche Zeitung und die FAZ auch.
Die FAZ hat mit Bernd Eichinger, dem Produzenten des Films, gesprochen, die Süddeutsche Zeitung hat ihn getroffen und porträtiert.
Die Süddeutsche Zeitung porträtiert den scheuen Autor Patrick Süskind, die Welt und der Tagesspiegel auch.
Felicitas von Lovenberg erklärt in der FAZ, was den Roman von Süskind so "sagenhaft erfolgreich" werden ließ und was ihm seinen "universellen Reiz" verlieh.
Hanns-Georg Rodek von der Welt stellt in einem investigativen Artikel klar, dass wir bereits seit zehn Jahren ein "offizielles 'Making of'" zum Film besitzen, nämlich Helmut Dietls Rossini.
Die FAZ und der Tagesspiegel berichten von der Premiere des Films in München.
Was läuft wo?
Welcher Film, welche Stadt, welches Kino, welche Uhrzeit - finden Sie's raus mit dem
Cinema-Kinotimer



























