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Aktualisiert am 14.11.2008

Filmkritik:

Waltz with Bashir

Waltz with Bashir

Israel/D/F 2008 R: Ari Folman 87 Min. Filmwebsite
Ein Freund des Filmemachers Ari wird von Alpträumen heimgesucht, die ihren Grund anscheinend im israelisch-libanesischen Krieg vom Sommer 1982 haben, in dem beide als israelische Soldaten gedient haben. Ari selbst hat keinerlei Erinnerungen an den Krieg. Er begibt sich auf eine Reise, befragt alte Freunde, Zeitzeugen und Psychologen, setzt Erinnerungsfragmente zusammen.

Ulrich Kriest vom Filmdienst hält Waltz with Bashir für den "klügsten, reflektiertesten und experimentierfreudigsten Film des Jahres". Er schreibt: "Man muss sich nur einmal eine konventionelle zeitgeschichtliche Dokumentation auf Phoenix oder n-tv anschauen, um zu erkennen, welche Funken Folman aus der Freiheit der Animation zu schlagen versteht. Waltz With Bashir ist so nicht nur auf allen Ebenen absolut auf der Höhe der philosophisch-ästhetischen Reflexionen über Medien- und Erinnerungsdiskurse, sondern dazu flott und mit Mut auch zu surrealen Effekten und Blindstellen erzählt."

Georg Seeßlen (epd Film) sieht den Film in der Tradition des "dokumentarischen Comic" und kann seiner außergewöhnlichen Form einiges abgewinnen: "Bei der Uraufführung des Films in Cannes fragten Kritiker nach dem 'Mehrwert' der grafischen Darstellung. Das ist so schwer nicht zu erklären: In dieser Form hebt sich eine 'Geschichte von unten' auf; an die Stelle eines mächtigen technologischen Apparates, der immer einen Rest des Obszönen hat gegenüber dem realen Leiden von Menschen in der Geschichte, tritt die subjektive und subversive Kraft des Zeichenstifts. Hier ist das Autobiografische keine Behauptung mehr."
An die Besprechung schließt sich ein Interview mit Regisseur Ari Folman an.

Auch Andreas Kilb von der FAZ zeigt sich sehr beeindruckt: "Alles, was man sieht, ist erfunden, gezeichnet, koloriert, aber nichts ist fiktiv. Jedes Bild eine Zeugenaussage und zugleich ein Erzeugnis der Imagination. Und wie nach jeder großen Idee in der Geschichte des Films sieht das Kino auch nach Waltz with Bashir anders aus als zuvor. Was Richard Linklater vor sieben Jahren mit Waking Life nicht gelungen ist, hat Folman geschafft: Er hat der Animation ein historisches Gewissen gegeben. Bei Linklater war der Trickfilm ein Vehikel höheren Palavers. Bei Ari Folman ist er ein Erkenntnisinstrument. (...) In der Historiographie des Libanon-Kriegs mag Waltz with Bashir eine Fußnote sein, in der Geschichte des Kinos ist er ein Meilenstein."

Auch Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau hat eine "eine völlig neue Art von Kino" gesehen: " Waltz with Bashir führt den Trickfilm (...) zurück zu seiner eigentlichen Bestimmung, der Darstellung von Surrealität, Traumrealität und Imagination. Immer wieder nutzt er dabei die Möglichkeiten der fotorealistischen Überlagerung zwischen Malerei und realitätsnahen Aufnahmen. Indem er gemalte Bilder auf fotografierte Bilder legt, lotet er die Widersprüche und Leerflächen in der individuellen Verarbeitung von Wirklichkeit aus. Höher kann Kunst kaum greifen und Folman bewältigt diese schwierige Aufgabe höchst imponierend. Waltz with Bashir ist viel mehr als ein kluger Film über ein wichtiges Thema. Er erinnert uns daran, dass filmische Wahrheit im Kino von Kunst nicht zu trennen ist."

Tagesspiegel, Spiegel Online, Welt (Auswertung folgt)

Der Filmdienst hat ein Gespräch mit Ari Folman geführt, die taz, die Welt und die Süddeutsche Zeitung ebenfalls.

Waltz with Bashir wurde dieses Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes gezeigt.
Verena Lueken von der FAZ schrieb, dies sei ein Film, "wie ein Festival ihn sich nicht schöner wünschen kann (auch wenn er dann vielleicht nichts gewinnen wird) - innovativ in der Form, politisch brisant, unterhaltsam, schnell."

"Ari Folmans anfänglich surreal anmutender, schließlich verstörend sachlicher Animationsfilm begreift die Erinnerung als Alien: Unfassbar in ihrer amorphen Struktur, nicht zu greifen und doch - gerade in ihrer kollektiven Form - von gespenstischer Macht", schrieb Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau.

An Ari Folmans Film überzeugte Cristina Nord von der taz "die Klarheit der Animation, das Nebeneinander von Traum und Wirklichkeit, der etwas grobe Strich, dazu der harte Einsatz von Musik", denn all das öffne Folman einen Raum, in dem er "viel direkter über Erinnerung, Trauma und Vergessen reflektieren kann, als das im Realfilm möglich wäre".

Waltz of Bashir biete "nach 113 Jahren Filmgeschichte wirklich noch einmal etwas, das es noch nie gegeben hat: eine Dokumentation in Trickfilmform", staunte Hanns-Georg Rodek von der Welt. Obwohl Folmans Vorgehensweise - das Befragen von Augenzeugen – eine "genuin dokumentarische" sei, werde sie "auf der Bildebene durch eine zutiefst subjektive konterkariert". Die Trickversion vom Krieg ist "rotgetränkt, desorientierend, unpathetisch", die "ungewohnte Bilderfahrung" sensibilisiere uns "neu in Sachen Gewalt".

Als "neuartige Form der Kriegs-Doku, die sowohl visuell fasziniert, als auch emotional aufrüttelt", beschrieb Andreas Borcholte von Spiegel Online Waltz of Bashir. Folmans Film sei "nicht ohne Makel, denn die visuelle Überraschung täuscht über einige dramaturgische Schwächen hinweg".

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel meinte: "Der Dokumentarist Ari Folman hat in dem animierten Dokumentarfilm Waltz With Bashir für seine zeithistorische Vergewisserungsarbeit eine bestechend schlüssige Form gefunden – und stellt, am Beispiel der israelischen Libanon-Invasion 1982 und der Besetzung Beiruts, ohne Scheu Fragen nach individueller und staatlicher Schuld. (...) Waltz With Bashir ist aufregend, bewegend, allseitig klug: Keine Jury der Welt kann an einem solchen Film vorbei, am wenigsten wohl die Cannes-Jury unter dem politischen Feuerkopf Sean Penn."

Rüdiger Suchsland schrieb bei artechock, der Film sei "eine präzise historische Dokumentation, erzählt aber zugleich etwas Universales: Die Entmenschlichung im Krieg, der sich Soldaten keiner Armee entziehen können, und die den Film brennend aktuell macht."

Katja Nicodemus von der Zeit lobte, Waltz with Bashir erfinde "eine neue Form der Kriegsdarstellung".

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