Filmkritik:
Auszeit
(L'emploi du temps) F 2001 R: Laurent Cantet D: Aurélien Recoing, Karin Viard, Serge Livrozet, Jean-Pierre Mangeot Filmwebsite
Der Geschäftsmann Vincent führt ein Doppelleben. Er hat seine Arbeit verloren, gaukelt aber seiner Familie vor, dass alles beim alten geblieben sei, und um ihren gewohneten Lebensstandard aufrechterhalten zu können verschuldet er sich und verstrickt sich immer mehr in ein Netz von Lügen. Margarete Wach vom Filmdienst ist restlos begeistert von diesem "subtilen Kammerspiel über die verhängnisvolle Wechselwirkung von emotionaler Kälte und Selbstentfremdung". Es zeichne "feinfühlig und schnörkellos" die Stationen eines "angsteinflößenden Selbstbetrugs nach, der in die Abgründe einer Scheinexistenz führt und wie jede Lebenslüge bitter bestraft wird. Seine Spannung bezieht Auszeit aus der Diskrepanz zwischen der menschlichen Tragödie, deren unaufhaltsames Fortschreiten ambivalente Gefühle auslöst, und einer unspektakulären Inszenierung fern jeder sozialen Anklage (...) Cantets Psychodrama nimmt sich nicht nur wie ein Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen aus, sondern besticht vor allem durch seine faszinierende Hauptfigur. Ihrer Lügen bewusst und zugleich der Selbsttäuschung fähig, erinnert sie an die Protagonisten aus Kubricks 'Shining' oder Hitchcocks 'Psycho', in denen es auch um die Wechselwirkung von Wirklichkeit und Schein, Realität und Projektion geht – und um die traumatischen Abgründe, die sich jenseits des 'gesunden Menschenverstandes' auftun."
Rainer Gansera von der Süddeutsche Zeitung findet, dass Auszeit beim Filmfestival von Venedig 2001 zu Recht mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Mit "überwältigender Eindringlichkeit" verkörpere Aurélien Recoing diese traumtänzerische Figur. "Subtil schattiert er die Übergänge zwischen Momenten der Freiheits-Euphorie und Panik-Attacken, zwischen Lügen-Theater und zunehmender Verlorenheit. (...) Wie ein Alien streift er durch die Gänge der Firma, in der er angeblich arbeitet, betrachtet die bienenfleißigen Menschen in ihren gläsernen Bürowaben, simuliert Zugehörigkeit. Es gibt Augenblicke der Verstörung, die großartig- unheimlich sind wie in Horrorfilmen – wenn der Held plötzlich gewahr wird, dass er gar nicht zu den Lebenden gehört."
Ein "atemberaubender" und "hypnotischer" Film, konstatiert Hanns-Georg Rodek in der Welt, der Regisseur Laurent Cantet in die "erste Reihe der europäischen Autorenfilmer befördert".
Harald Peters von der taz bespricht den Film etwas nüchterner: "Regisseur Cantet kümmert sich in Auszeit weniger um den Lügner Vincent an sich, sondern vielmehr um die Strukturen, die jemanden wie Vincent produzieren. (...) Dass bei all dem nicht einmal ein Hauch von Spannung aufkommt, ist die eigentliche Leistung Cantets. Und so ist Auszeit auch kein Drama im engeren Sinn, sondern vielmehr eine Meditation über die Arbeit in der Welt der Wirtschaft, über Papierstapel, Termine, Bilanzen, Broschüren sowie schwarze und rote Zahlen."
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