Filmkritik:
Tödliches Kommando
(The Hurt Locker) USA 2008 R: Kathryn Bigelow D: Jeremy Renner, Anthony Mackie, Brian Geraghty, Guy Pearce, Ralph Fiennes, David Morse 124 Min. Filmwebsite
Die Elite-Soldaten eines Bombenräumkommandos im Irak werden eingesetzt, wo das Risiko im brennenden Kriegsalltag am größten ist. Als der Vorgesetzte von Sergeant JT Sanborn im Einsatz stirbt, bekommt das Kommando einen neuen Anführer: Staff Sergeant William James. Ein Einzelkämpfer, der das Spiel mit dem Tod liebt und sein Team in ein waghalsiges Katz-und-Maus-Spiel treibt. Während Sanborn und Eldridge vergeblich versuchen, ihren neuen Kommandanten zu kontrollieren und dabei an ihre physischen und psychischen Grenzen gelangen, explodiert die Stadt im Chaos des Häuserkampfes.
"Tödliches Kommando ist ein Testosteron-Film", konstatiert Rüdiger Suchsland (Filmdienst): "Man spürt die Anspannung, die Angst. Die Atmosphäre ist angespannt von der ersten Minute an. Man glaubt, die trockenen Zungen der Männer am Gaumen zu spüren; ihren (Angst-)Schweiß zu riechen. Stress, Sinnlichkeit und unmittelbare Erfahrung dominieren. (...) Die Intensität, die den Film zu einem erschütternden Erlebnis macht, ist seinem Charakter als ein Independent-Film und dem 'Guerilla-Stil' von Regie und Produktion geschuldet; gedreht mit vergleichsweise niedrigem Budget und eher unbekannten Darstellern (abgesehen von Ralph Fiennes und Guy Pierce)." Zur Haltung der Regisseurin schreibt Suchsland: "Wo ein halbes Dutzend Irak-Kriegsfilme, die in den letzten Jahren zumindest auf den Leinwänden der Festivals auftauchten, wütend anklagten, seziert Kathryn Bigelow kühl die Sache selbst. (...) Ihre Verdammung des Irak-Kriegs, ihre Forderung nach Truppenrückzug beschränkt die Regisseurin auf Interviews und Pressekonferenzen, der Film dagegen verzichtet auf Thesen, sondern ergreift für einzelne Menschen Partei. In ihm geht es gewissermaßen gar nicht um Politik, weil es für die Soldaten im Irak auch nicht um Politik geht, sondern ums Überleben. Im Kern ist Tödliches Kommando deshalb ein existenzielles, menschliches Drama."
In seiner losen Struktur weist Tödliches Kommando starke Ähnlichkeiten mit den Arbeiten Frederick Wisemans auf (der die Institution Militär selbst zweimal dokumentierte)", findet Andreas Busche von der taz. Bigelow tue nicht mehr, "als die Männer bei ihrer Arbeit zu beobachten - und sagt damit auch viel über die Natur moderner Kriege".
"Bigelow hat in ihren Actionfilmen stets Körpereinsatz an der Grenze zur Selbstzerstörung dargestellt und Mut als andere Seite des Wahnsinns. Dieses Konzept auf ein Kriegsszenario der Gegenwart zu übertragen, ist provokant", konstatiert Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau. In der "Nachfolge der rauschhaften Kriegsfilme von Sam Peckinpah und Samuel Fuller" feiere Bigelow die Ausgestoßenen und stürze die Zuschauer "in den gleichen Sog, den die 'wilden Männer' erleben. Mit den filmischen Mitteln operiert sie dabei souverän, alles fügt sich ein in ein Montagekunstwerk".
Christian Peitz vom Tagesspiegel lobt, dass Bigelow nicht dem "Adrenalinkick" erliege, dem die Männer im Einsatz "mit rüden Sprüchen Ausdruck verleihen", und nicht dem "Thrill der Gewalt, der im Vorspann benannten Droge des Kriegs" - dafür sei sie "viel zu sehr Expertin männlicher Codes". Sie konzentriere die Spannung "in den Augenblick und verlegt sie in die Seelen der drei Soldaten. Ein Psycho-Actionfilm".
Ganz an´ders sieht das Christoph Egger von der NZZ. Er findet, dass Bigelow auch hier wieder als letztlich "unfähig" erweise, "unter die gekonnt polierte Oberfläche, hinter das bloss Vordergründige zu gelangen, von Psychologie nicht zu reden".
"Dass es überhaupt noch jemand wagt, einen Kriegsfilm bis zum Anschlag mit echtem Tod-und-Teufel-Machismo aufzuladen, wurde im Fall von Tödliches Kommando - The Hurt Locker mit einer doch recht erstaunlichen Euphorie aufgenommen", wundert sich Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung. Es habe die "reiche thematische Früchte" getragen, "dass hier eine gutaussehende, hochgewachsene Regie-Amazone, 57 Jahre alt, noch einmal den ultimativen Adrenalinrausch sucht".
SAscha Westphal von der Welt meint, Kathryn Bigelow verzichte zwar auf "jeglichen Kommentar zu den Ereignissen im Irak", aber dafür zeige sie "in aller Deutlichkeit, wie der Krieg die Menschen, die in ihm kämpfen, für immer verändert".
"Die Konsequenz des Films besteht in der Beschränkung der Perspektive, seine Stärke in einer ungemein körperlichen Auslotung dieser Beschränkung", schreibt Annette Brauerhoch von epd Film. Kathryn Bigelow, die in ihre Filmen immer schon ein "ganz besonderes Gespür für Timing, Choreografie und Räumlichkeit" bewiesen habe, bleibe auch in The Hurt Locker ihrer "Lust an der verführerischen visuellen Dynamik physischer Gewalt und den rituellen Codes von Männlichkeit" treu, er schließe "in vielerlei Hinsicht an Bigelows frühere Filme, aber auch an die filmtechnischen Experimente der achtziger und neunziger Jahre insgesamt an; Technik interessiert diese ­Re­gisseurin in gleichem Maß wie Ästhetik". Und weiter heißt es in der lesenswerten und ausführlichenh Kritik: "Bigelow fraternisiert mit der Unterklassen-Perspektive, der grunt-Seite des Krieges, und taucht tief betroffen ein".
Tödliches Kommando ist vom Verband der Filmkritiker in Los Angeles im Dezmebr 2009 zum besten Film des Jahres gekürt worden, meldete die Frankfurter Rundschau.
The Hurt Locker wurde 2009 beim Filmfestival von Venedig gezeigt.
Daniel Kothenschulte schrieb in der Frankfurter Rundschau, mit diesem Film feiere Kathryn Bigelow, die "einst bedeutendste Filmemacherin des amerikanischen Genrekinos" ein Comeback. Mit den filmischen Mitteln operiere sie dabei "so souverän, dass ein Oliver Stone vor Neid erblassen wird": "Nie verselbstständigt sich ein visueller Einfall, alles fügt sich ein in ein Montagekunstwerk.130 Minuten vergehen in einer Dramaturgie ohne Leerlauf wie im Flug". In Venedig gab es bislang nicht viele Filme von einem solchen Kaliber.
Für Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung war The Hurt Locker eine "willkommene Abwechslung im Irak-Kriegsgenre".
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