Filmkritik:
2046
Hongkong 2004 R: Wong Kar-wai D: Tony Leung, Gong Li, Takuya Kimura, Faye Wong, Zhang Ziyi, Carina Lau, Chang Chen, Siu Ping-Lam, Wang Sum, Maggie Cheung Filmwebsite
In Rückblenden und fantastischen Ausblicken ins Jahr 2046 lässt Schriftsteller Chow vor seinem inneren Auge alle vergangenen Liebesaffären wieder aufleben. Sozusagen Wong Kar-wais Fortsetzung von In the Mood for Love. Blickpunkt:Film ist hin und weg: "ein in zum Sterben schönen Handlungsfragmenten erzählter Film, unfassbar romantisch, voller Sehnsucht. (…) So perfekt, brillant und gleichzeitig hinreißend artifiziell wie hier war noch keiner seiner Filme."
Auch Rüdiger Suchsland vom Filmdienst ist voll des Lobes. Für ihn ist 2046 eine "komplexe Passage durch Zeiten und Ideen, Fantasien und Realität, ein Roman der Erinnerung und Emotionen". Kurz "ein meisterhaft gemachter Film, der sich ganz auf sein Medium verlässt: auf Bilder, die sich nicht in Worte fassen lassen, sondern nur in Gefühle".
Hanns-Georg Rodek von der Welt ist ebenfalls überaus begeistert, die Kritik gleicht einer Hymne. Der Film "besitzt die Aura des Ewiggültigen, ist ein Kompendium universeller Stimmungen und Rituale. (...) Wie stark 2046 die Filmsprache um neue Vokabeln bereichert, merkt man daran, daß die Schriftsprache noch zu wenig Ausdrücke besitzt, jenen sinnlichen Atmosphäreteppich hinreichend zu beschreiben, den Wong aus Gesichtern, Lichtsetzung, Rhythmus und Musik webt."
Kerstin Decker (Tagesspiegel) ist - wie nennen wir's diesmal? - auch sehr angetan: "Man kann diese Schönheit nicht erklären; die Frage ist nur, ob man ihr standhält. Es ist eine gegenseitige Steigerung von Bild und Ton, bis man die Bilder hören und die Musik sehen kann.(...) Wong Kar-wai ist auf wunderbar abenteuerlich-zukünftige Weise von gestern."
Wong zelebriere in seinem "pechschwarzen Liebesfilm" die „Entromantisierung in statischen Bildern von geradezu jenseitiger Perfektion" meint Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau: "Dieser Film ist so schön, dass es weh tut. Die gleichnamige Science-Fiction-Story ist nurmehr als Geschichte in der Geschichte präsent, ein Fragment im Fragmentarischen, erzählt im Heartbreak Hotel“.
Cristina Nord von der taz schreibt: "Dieses Kino schert sich nicht um Realismus und Plausibilität, es erschafft Formen und Bilder für die Nichtidentität. Hierin erreicht Wong eine Virtuosität, die ihresgleichen sucht. Allein die Musikauswahl (…) umspielt und strukturiert auf raffinierte Weise das Geschehen. Die Kamera (…) schafft hinreißende Bilder, indem sie die Begegnungen der Figuren in der Breite des Cinemascope arrangiert, die Konturen der Gesichter mit Licht umflort oder mit Hilfe von Spiegeln aus einem Zwiegespräch eine Dreieranordnung gewinnt. Dank dieses Reichtums gelingt 2046 etwas Besonderes: Die nichtlineare Erzählung und ihre Figuren, die gleitenden Räume erschöpfen sich niemals im postmodernen Gemeinplatz, sondern erhalten eine betörende Stofflichkeit."
Einen "himmelweiten Unterschied" gebe es zwischen 2046 und Zhang Yimous House of Flying Daggers, in dem der neue Jungstar des chinesischen Kinos Zhang Ziyi zur Zeit ebenfalls zu sehen ist, findet Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung. "Wo Zhang Yimou naiv die absolute Liebe zelebriert, stellt Wong Kar Wai sie als vollkommene Illusion dar, als Chimäre der Vergötterung".
Katja Nicodemus von der Zeit meint, Wong Kar Wais bislang sentimentalster Film, sei zwar unglaublich virtuos, aber letztlich gescheitert: "Ähnlich wie sein Held verharrt auch der Film in einer Zeitschleife. Er verachtet den Plot, folgt der Logik des Traums, der Assoziation, ist eher Elegie als Geschichte. Mit seinen wie von innen heraus leuchtenden Bildern, den warmen, vom Schleier der Erinnerung überzogenen Farben, dem Auf und Ab der Gefühle, dem ständigen Wechsel von Leidenschaft und Abschied wirkt er wie ein in sich verschlungenes Liebesgedicht, ohne Beginn und ohne Ende, poetologisch unbegrenzt. Tatsächlich folgt 2046 keiner Struktur und keiner Chronologie außerhalb seiner selbst. Er bleibt ein offener Film, dessen Sehnsuchtstableaus ewig weiterpulsieren könnten. Darin liegt seine Stärke und seine größte Schwäche. Man kann auch von einer gewissen Stagnation sprechen.“
Alle Schwachpunkte, die man gegen 2046 vorbringen kann, wögen "nicht viel gegen die Wucht der Bilder", findet dagegen Volker Mazassek in der Frankfurter Rundschau.
Sehr schön ist die Kritik von Andreas Kilb in der FAZ. "Wenn ein Film die Geschichte eines anderen weitererzählt, verliert sie gewöhnlich an Schwung. Aber bei Wong Kar-wai gelten die Gesetze der filmischen Schwerkraft sowenig wie die der zeitlichen Logik. Auf die strenge Perfektion von In the Mood for Love antwortet 2046 mit einer reicheren, elegischen Schönheit, wie sie dieser Tragödie eines lächerlichen Mannes entspricht. Und so geht es dem Zuschauer anders als Herrn Chow. Er genießt das Glück des zweiten Mals, als wäre es das erste."
Für Urs Jenny vom Spiegel repräsentiert Wong Kar-wai "wie niemand sonst im heutigen Weltkino, auf seine sparsame, verschwiegene und doch schwelgerisch elegante Art die Kunst des Melodrams in Vollendung". In 2046 beeindruckte den Kritiker der "überströmende Farbenreichtum" und die "Pracht" der Bilder, die "Fülle der Alltäglichkeit und der Nervenkitzel des Dramas, der Sog der Leidenschaft und das Elend des verfehlten, vergeudeten Lebens, bewegt und getragen von einem dunklen, fatalistischen Grundstrom der Melancholie".
"Wo ist Wongs einzigartiges Taktgefühl geblieben?" fragt Andreas Maurer in der NZZ; In the Mood for Love beglückte auch wegen seiner Dezenz und wegen seiner "Geheimnisse im Off, im Schweigen", hier nun "lässt der Sex sogar im Nebenraum die Latten knarren". Der Kritiker attestiert dem Regisseur immerhin, dass "keiner (auch nicht sein fanatischster Fan, Quentin Tarantino), (...) heute die Breitleinwand virtuoser als Wong Kar-wai mit seinem Meisterkameramann Chris Doyle" komponiere.
Die Süddeutsche Zeitung, der Tagesspiegel, die taz, die Welt und die FAZ haben sich mit Wong Kar-wei unterhalten. Andreas Kilb von der FAZ porträtiert Zhang Ziyi.
Infos zu diesem Titel
• Sprache: Kantonesisch
• Import, PAL, Subtitled, Widescreen
• Laufzeit: 129 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 23. Mai 2005
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