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Aktualisiert am 16.10.2005

Filmkritik:

A History of Violence

A History of Violence

USA 2005 R: David Cronenberg D: Viggo Mortensen, Maria Bello, William Hurt, Ed Harris, Ashton Holmes, Heidi Hayes, Stephen McHattie, Greg Bryk, Peter MacNeill, Kyle Schmid, Sumela Kay Filmwebsite
Tom Stall, ein braver Bürger im Mittlereren Westen, tötet zwei Schwerverbrecher in seinem Restaurant und wird zum Medienhelden. Ein Verbrechersyndikat glaubt, ihn aus der Vergangenheit zu kennen und will offene Rechnungen begleichen. Adaption eines Comicromans.
Der "schnörkellose Rachethriller mit biblischer Konsequenz und der Schärfe eines existenzialistischen Western" sei Cronenbergs "zugänglichster und bester Film seit den 80er Jahren", frohlockt Blickpunkt:Film. Was A History of Violence so "aufregend und beunruhigend" mache, sei Cronenbergs "Erkenntnis, dass die in kurzen Szenen grotesk überzeichnete Gewalt eine befreiende Wirkung auf seinen Helden hat - wie letztlich auch auf den Zuschauer". Der Thriller versteht die "Wirkung von cineastischer Gewalt" und bedient einerseits wissend die Bedürfnisse des Publikums und konterkariert sie gleichzeitig "intelligent", heißt es weiter.
Rüdiger Suchsland vom Filmdienst spürte die "Distanz des Regisseurs zu seinem Stoff, die analytische Kühle, mit der er die Genre-Erwartungen erfüllt, und emotional doch unbeteiligt bleibt, leicht spöttisch und überlegen gegenüber der Naivität seiner Figuren und ihres kleinen Glücks". In A History of Violence gehe es um das "freudianische Urthema der Rückkehr des Verdrängten - und die existenzialistischen Themen des Film noir". Cronenberg sei "nicht allein eine zeitlose Anthropologie der Gewalt mit den Mitteln des Kinos" gelungen, sondern eine "kühle, kluge, virtuose Dekonstruktion des Mainstream-Actionfilms". Das könne sich "nur einer erlauben, der zugleich dessen Mittel beherrscht".
"Es dauert auch eine ganze Weile, bis die Handschrift des Regisseurs erkenntlich wird", meint Andreas Busche von der taz, denn A History of Violence "gibt sich den Anschein eines konventionellen Thrillers, der klaren Genremustern folgt". Mehr und mehr entpuppe er sich als "profunde Reflexion über Gewalt - Gewalt nicht als abstraktes Konzept, sondern als physische Erfahrung, als denkbar direkteste Kommunikation zwischen zwei Körpern". Die "Projektion seines Gewaltbegriffs auf hehre amerikanische Familienwerte" sei "das Beste, was Cronenberg in den letzten 20 Jahren an Satire geleistet hat".
Für Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung ist Cronenbergs Film eine "klassische Coming-Out-Geschichte, und darin seinem Meisterwerk Videodrome vergleichbar", denn in beiden Filmen gehe es um die "Faszination neuer Erfahrungen, körperlicher, psychischer, geistiger - und immer sind diese mit Aggression, mit Gewalt verbunden. Selten habe einer "so gelassen die alten etablierten Mythen zurechtgerückt wie Cronenberg in diesem Film, die festgefügten Geschichten, die offensichtlich andersherum erzählt werden müssen".
Andreas Borcholte vom Spiegel stellt fest, Cronenberg bediene sich "erstmals der Genreregeln" und stelle sie "auf den Kopf". A History of Violence entlarve "nicht nur den Mythos einer zivilisierten Welt, mit maliziöser Präzision führt er dem Zuschauer auch die eigene Lust an brutaler Action, splitternden Knochen und spritzenden Blutfontänen vor Augen". Cronenberg gelinge es, die Gewalt "derart überzustilisieren, Knochen so ostentativ krachen zu lassen, dass alle anfängliche Faszination in Unbehagen umschlägt".
Für Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau hat sich der Regisseur für einen "Abstecher in die schlichte Uhrmacherwerkstatt des Filmemachens" entschieden. Sein Film sei von "so umwerfender Präzision bei gleichzeitiger Handwerkerbescheidenheit", dass die Jury des letzten Festivals von Cannes "die Kunst darin glatt übersehen" habe. Abgesehen von ein paar "überreal photographierten Einschusslöchern" gebe es "nichts Exaltiertes" in diesem Film. Cronenberg-Fans werde A History of Violence "ebenso überraschen, wie David-Lynch-Fans von dessen Straight Story überrascht waren. Enttäuscht aber werden sie nicht".
Ein "verstörendes Werk über die amerikanische Seele und ihr mythologisches Verhältnis zur Gewalt" hat Sebastian Handke vom Tagesspiegel gesehen; was Cronenbergs Film zu einem "kleinen Meisterwerk" erhebe, "von einem bis in die Nebenrollen vorzüglich besetzten Ensemble einmal abgesehen", sei die "Perfektion seiner Herstellung".
Sascha Westphal von der Welt merkt an, eine Geschichte, die "offensichtlich als Warnung vor den Nachwirkungen von Gewalt angelegt war", werde in Cronenbergs Händen zu einer "im höchsten Maße doppeldeutigen Meditation über die Grenzen christlicher und humanistischer Ideen". Wie Cronenbergs Charaktere sehe sich "auch der Zuschauer mit seinen archaischsten Instinkten konfrontiert".
Wenn Cronenberg denn "aufgrund des höheren Budgets Zugeständnisse ans breite Publikum machen musste, dann nur, um diesem prompt den Boden unter den Füssen wegzuziehen", stellt Michel Bodmer in der NZZ fest; der Regisseur "lädt seinen Film subversiv auf, indem er etwa die Gewalttaten des Helden (die in einem gängigen Krimi als Notwehr qualifiziert und verharmlost würden) brutaler und von den Folgen her expliziter in Szene setzt als die der Bösewichte". Der inszenatorischen Komplexität würden die Darsteller durchweg gerecht.

Die Zeit bringt ein ausführliches Interview mit Cronenberg, die Süddeutsche Zeitung ein kürzeres.
A History of Violence wurde in Wettbewerbsprogramm von Cannes 2005 gezeigt. Kritikerstimmern finden Sie hier, hier und hier.
Die Welt am Sonntag sprach während des Festivals mit Cronenberg.

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