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Aktualisiert am 18.10.2009

Filmkritik:

Das weiße Band

Das weiße Band

D/Österreich/F/I 2009 R: Michael Haneke D: Christian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Burghart Klaußner 144 Min. Filmwebsite
Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands. 1913/14. Die Geschichte des vom Dorflehrer geleiteten Schul- und Kirchenchors. Seine kindlichen und jugendlichen Sänger und deren Familien: Gutsherr, Pfarrer, Gutsverwalter, Hebamme, Arzt, Bauern - ein Querschnitt eben. Seltsame Unfälle passieren und nehmen nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen an. Wer steckt dahinter?

"In Das weiße Band erweitert Haneke den inhaltlichen Radius seines Oeuvres um eine historische Dimension: die der schwarzen Pädagogik und insbesondere der Genese autoritäts- und obrigkeitshöriger Charaktere", stellt Josef Lederle vom Filmdienst fest. Dennoch zögere man, diesen Film als historischen zu charakterisieren, "weist er doch trotz seiner erstaunlich authentischen Anmutung weit über die Epoche und ihre Umstände hinaus". Das habe "primär ästhetische Gründe: Hanekes Film ist ein zeitloses, in sich ruhendes Meisterwerk, eine in noch nie gesehenen Schwarz-Weiß-Nuancen fotografierte August-Sander-Welt, die primär für sich steht, auch wenn die interpretatorischen Pfade und ihre Einbindung in aktuelle Diskurse alles Recht auf ihrer Seite haben". Das weiße Band "vieles in einem: ein großartiger, von einem absoluten Formwillen durchdrungener Film, der als visuell bestechendes Bilderbuch des ländlichen Lebens Anfang des 20. Jahrhunderts den Diskurs über diese Zeit und ihre Widersprüche bereichert und in einer Weise über preußisch-deutsche (Un-)Tugenden reflektiert, die ihresgleichen sucht".

"Das weiße Band ist nicht nur Hanekes vielleicht bester, es ist auch einer der schönsten europäischen Filme seit langem", schwärmt Andreas Kilb von der FAZ. Vielleicht sei gerade seine Makellosigkeit "eine der wichtigsten Botschaften des Films. Traut nicht der Schönheit alter Geschichten, lautet sie, erhofft euch keine Erlösung im Kostüm. Der einzige Trost, den das Historienkino spenden kann, liegt in der Wahrheit, die es uns zumutet. Das weiße Band hält diesen Trost bereit".

DanielKothenschulte von der Frankfurter Rundschau hat einen Film gesehen, "der keinem zweiten gleicht und über den man, anders als über die meisten anderen Filme, noch lange redet, nachdem der Vorhang fällt". Es liegte etwas "Gespenstisches" in seiner Wirkung, die "einem Perfektionismus geschuldet ist, der der eigentlichen Lust am Kino entgegen steht". Der eigentliche Schrecken dieses Films sei weniger das Geschehen als die "Hermetik seiner Inszenierung, die jede positive Regung aus dem Spiel verdammt". Und weiter schreibt Kothenschulte: "Es ist die größte Schwierigkeit im Kino, einerseits fesselnd zu erzählen, anderseits aber auch einen Grad distanzierender Verfremdung zu wahren. Haneke erreicht diesen Effekt durch eine vielleicht sehr bewusst ins Leere zielende Perfektion. Man verlässt den Film am Ende weniger ergriffen als beklommen. Ja, man möchte nachdenken über diesen außergewöhnlichen Film. Aber erst einmal verspürt man den Wunsch, die Luft zu atmen, die seinen Bildern fehlte".

Zu Recht wurde der Film in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, findet Christian Buß von Spiegel Online, dem dieset "zweieinhalbstündige protestantische Gewaltakt von Film", diese "stille Folterballade in Schwarzweiß" mächtig beeindruckt hat, so "mächtig, monolithisch und angsteinflößend" stehe Das weiße Band in der Kinolandschaft.

"Böse Spiele, misanthropisches Geraune, sadistische Impulse und Intrigen, damit muss man rechnen, wenn man sich in einen Film von Michael Haneke setzt, und es tröstet auch nicht unbedingt, dass dies alles meistens sehr gelassen, fast elegant in Szene gesetzt ist.", schreibt Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung. Am Ende lande Haneke bei Das weiße Band "doch wieder beim Kino als moralischer Anstalt, er reduziert seine historische Perspektive aufs moralische System".

Christina Tilmann vom Tagesspiegel hat ein "Meisterwerk" gesehe; es ziehe seine "Wucht" vor allem aus der "Verweigerung der Auflösung der Verbrechen".

Auch der Freitag, die Zeit und die Welt besprechen den Film.

Die taz und der Filmdienst haben mit Michael Haneke gesprochen, ebenso die FAZ und der Tagesspiegel.

Im August ist Das weiße Band ist als Deutschlands Beitrag für den Auslands-Oscar nominiert worden, meldeten die FAZ.und die Welt.

Bei den Filmfestspielen von Cannes 2009 wurde Das weiße Band mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.
Cristina Nord von der taz kritisierte, bei Hanekes Film übertrage sich "die Enge der Verhältnisse bisweilen auf den Film, die Autoritätskritik Hanekes wirkt umso autoritärer, je unbarmherziger, je rigider sie vorgetragen wird".
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau meinte, Das weiße Band "glänzte am Ende golden, weil in einem überdurchschnittlichen Wettbewerb doch kein überragendes Meisterwerk auszumachen war. Wieder einmal gewinnt damit ein anerkannter Protagonist des Weltkinos für einen Film, der nicht sein bester ist".
Christoph Egger von der NZZ schrieb: "Was die Plansequenz mit fixer Kamera an verstärkender Wirkung zu entfalten vermag, wenn sie radikal durchdacht eingesetzt wird, das demonstrierte auf schlechthin magistrale Weise der künstlerische und gedankliche Höhepunkt des Festivals, Michael Hanekes Das weisse Band. (...) Unerhört und zumal durch seine Menge in der Filmgeschichte ohne Beispiel" sei, was wir hier an "subtilsten Kinderporträts zu sehen bekommen, an Einblicken in eine gleicherweise rührende wie heimlich-unheimlich verschwiegene Welt".
Verena Lueken von der FAZ war beeindruckt: "Die Bösartigkeit der Figuren, einige der Kinder eingeschlossen, schnürt einem die Luft ab, und Hanekes Weltsicht, dass das Böse sich von Generation zu Generation vererbt, erzeugt eine Enge, die physisch spürbar ist".

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