Filmkritik:
All or Nothing
GB/F 2002 R: Mike Leigh D: Timothy Spall, Lesley Manville, Alison Garland Filmwebsite
Mike Leigh schildert den trostlosen Alltag einiger sogenannter "Unterprivilegierter", die in einer tristen Londoner Vorstadt leben. Die Supermarkt-Kassiererin Penny und Taxifahrer Phil sowie deren erwachsene Kinder Rachel und Rory bilden eine Familie am Rande der Auflösong. "Anrührend und mit größtmöglicher Authentizität seiner Charaktere" erzähle Leigh eine "zutiefst menschliche Geschichte über den Verlust von Würde und ihre Wiedergewinnung", meint Blickpunkt:Film; Hans Messias vom Filmdienst stellt erfreut fest, das Leigh Mike Leigh -nach seinem Ausflug mit dem Kostümfilm Topsy Turvy - wieder zu seinem "ureigenen Thema" zurückgekehrt sei. Doch einmal mehr erzähle er "nicht die Geschichte eines Working-class-Heros, sondern die von Working-class-Losern". Die karikaturhafte Überzeichnung seiner Figuren erschwerten allerdings den Einstieg in All or Nothing erheblich. Dem Rezensenten gefielen Life is Sweet und Nackt besser, er begrüßt aber, dass sich Leigh wieder, "wenn auch mit einigen Mankos", an der "britischen Arbeiterfront" zurückmeldet die "traurigen Stehaufmännchen eines Systems, das die Mittelschicht beharrlich in den Rückzug zwingt", würdigt.
Laut Birgit Glombitza von der Zeit ist eine "ungewohnte Sentimentalität an die Stelle des Tragikomischen gerückt". In der Dramaturgie hapere es etwas in diesem Film: " Verdrängtes, das auf den Gesichtern längst offenkundig ist, wird so langwierig offenbart, dass der Überschuss an Unbewältigtem in der Handlung kaum noch untergebracht werden kann". Die Kritikerin bietet außerdem einen kurzen Abriss der Geschichte des sozialkritischen britischen Films.
Für Hanns-Georg Rodek von der Welt liegt das "Mike Leigh-Musterbuch (...) einfach zu offen herum". Zu strikt folge die "Mechanik der sich entfaltenden Mini-Tragödie getreu dem Lehrbuch des sozialen Determinismus". Dennoch entfalte der Film seinen Wirkung: "Das Beste, was Familie Bassett passieren kann, ist, dass es nicht noch schlechter wird (...) Dies ist schlicht inakzeptabel in einer Gesellschaftsform wie unserer Konsumdemokratie, deren Fahnen laut verkünden, es werde mit ihrem Fortschreiten allen immer besser gehen".
Oliver Baumgarten von der Frankfurter Rundschau hingegen hält All or Nothing für "Film in sehr konzentrierter Form, verdichtet durch monatelange Textproben, durch eine Ökonomie der Erzählung und eine funktionale Bildsprache". Die Szenen wirkten "streng komponiert, alle kreativen Elemente sind detailliert auf einander abgestimmt", die Figuren seien "ungemein charmant, weil sie im Prozess der langen Proben aus ihren Darstellern erwuchsen". Erst diese "Klarheit des Plots ermöglicht Mike Leigh die volle Entfaltung seiner emotionalen Szenen", sobald aber das "Moment der Emotion vordergründig von der Inszenierung ausgeht, also rein visueller Natur ist", gerate der Film unpräzise, wird das "Emotionale hingegen von den Darstellern bedient, bekommt er etwas Meisterliches".
Auch Daniel Haas vom Spiegel hält den Film für ein "Meisterwerk sozialdramatischer Filmkunst", "virtuos choreographiert" und "seismographisch genau", kurzum - ein "Monument: der Menschlichkeit und künstlerischen Integrität".
Für Hans Günther Pflaum von der Süddeutsche Zeitung ist All or Nothing ein "an der Oberfläche (...) trauriger Film über vergessene Träume und abgestorbene Gefühle"; wie so oft bei Leigh treffe in dieser Geschichte "ein bisschen viel Unglück" zusammen. Am Ende "hat sich nichts Grundlegendes geändert, und doch wird nichts weitergehen wie bisher. Allein dies gibt Anlass zur Hoffnung".
Christian Schröder vom Tagesspiegel sieht in dem Film ein Melodramen, das "in der Präzision ihrer Milieu- und Sittenschilderung an Dokumentarfilme" heranreiche. Gewundert hat er sich über das Happyend, das wie "religiöse Glasmalerei" wirke - "die Heilige Familie, friedvoll versammelt auf der Intensivstation".
Die taz (leider ist der Name des Autors/ der Autorin nicht genannt) ist mit dem Film nicht zufrieden: " All or nothing legt nicht fest, wo der Grund der Misere liegt. In der Struktur des Dramas, in den Folgen des Neoliberalismus, im Psychogramm der Figuren? Es bleibt in der Schwebe. Durch diese Offenheit gelingt Leigh mehr als ein Stück engagierten Kinos, mehr als eine Sozialstudie über die neue Armut derer, die, lange ist es her, die Arbeiterklasse bildeten und heute traurige Ich-AGs sind. Doch zugleich erschließt die Offenheit nicht, warum sich die Misere so rückhaltlos und unbarmherzig ausbreitet. Warum gönnt All or nothing den Figuren keinen Augenblick der Pause?"
In der Süddeutschen Zeitung finden Sie auch ein Interview mit Mike Leigh.
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