Filmkritik:
Pingpong
D 2006 R: Matthias Luthardt D: Sebastian Urzendowsky, Marion Mitterhammer, Clemens Berg, Falk Rockstroh 89 Min. Filmwebsite
Der 16jährige Paul besucht die Familie seiner Tante. Er ist dort nicht wirklich willkommen, denn der Sohn Robert soll sich auf ein Klaviervorspiel konzentrieren. Das Erscheinen des Jungen lässt verborgene Spannungen aufbrechen und eskalieren.
Jens Hinrichsen vom Filmdienst schwärmt, Luthardt seien "erstaunlich plausible Charakterstudien gelungen (...), die sich weit über das Filmende hinaus einprägen." Sebastian Urzendowsky als Paul sei "eine Entdeckung", und Marion Mitterhammer als Mutter exekutiere "ihre Szenen zwischen Wut und gespielter Aufgekratztheit mit kalter Präzision". Nur Clemens Berg als Robert konnte ihn nicht ganz überzeugen.
Hanns-Georg Rodek ( Welt) sieht den Film als einen Vertreter der Berliner Schule: "Die Berliner Schüler sind keine Polemiker, sondern Beobachter, und sie nehmen Realität nicht unter ihre Lupe, sie zu reproduzieren oder ironisieren oder psychologisieren, sondern um sie in eine Künstlichkeit zu überführen, welche Wirklichkeit so lange siebt, bis sie ihre reinstmögliche Form erreicht hat."
Michael Kohler von der Frankfurter Rundschau fühlte sich an Pasolini und Michael Haneke erinnert, "wenngleich Pingpong nicht jene zermürbende Qualität entwickelt, die das Haneke-Publikum augenblicklich in einander unversöhnlich gegenüberstehende Fraktionen spaltet." Etwa am Ende des Films: "Weder zum reinigenden Gewitter noch zum selbstzerstörerischen Exzess kann sich die durch emotionale Laxheit korrumpierte Kernfamilie aufraffen. Auch an Matthias Luthardts Regie beginnt man etwas widerwillig die düstere Entschlossenheit zu vermissen, mit der Haneke aufs Ganze geht".
Kerstin Decker vom Tagesspiegel hat der Film gefallen: "Selten war es spannender zuzusehen, wie fast nichts passiert. Nur momentweise wirkt das etwas künstlich und überanstrengt. Vielleicht sind es wirklich nur feinste Schwingungen zwischen Menschen, die am Ende die größten Katastrophen heraufbeschwören. Matthias Luthardt hat diese Schwingungen verfilmt. Das Unsichtbare also. Was zeigt Kino, wenn es eines ist, sonst?"
Claudia Lenssen von der taz schreibt: "Matthias Luthardt spielt souverän mit den Topoi des begehrlichen Eindringlings in ein ödipales Beziehungsmuster." Die Schauspieler haben ihr gefallen, wenngleich Marion Mitterhammer als Mutter Anna Mühe habe, "ihrer unsympathischen, in sich verstrickten Figur über affektierte Dominanz hinaus Schlüssigkeit zu verleihen."
Heike Kühn (epd Film) hat ein "Drama der Empfindsamkeit" gesehen, das "sensibel und zugleich intensiv erzählt" werde.
Claudia Schwartz von der NZZ schreibt: "Luthardts Film zeugt von einem erzählerischen Gespür, das den Emotionen nicht mit Dialogen auf die Sprünge hilft, sondern einen Blick auf das Geschehen richtet, der gleichzeitig allwissend und für alles offen ist." Leider haben ihr die Schauspieler gar nicht gefallen: "Vor allem Marion Mitterhammer stolpert in der Rolle der frustrierten Hausfrau von einem Klischee ins nächste."
Die Welt meldete, dass die Europäische Filmakademie vier Debütfilme als "Europäische Entdeckung 2006" nominiert hat, darunter Pingpong.
Pingpong wurde bei den Filmfestspielen von Cannes 2006 gezeit. Jan Schulz-Ojala (Tagessspiegel) schrieb: "Schöner, kleiner, genauer Film, mit kleinen, genau einzugrenzenden Schwächen, aber egal. (...) Böse, kleine Welt, von der Luthardt da erzählt, ökonomisch konstruiert und wunderbar anzusehen". Verena Lueken von der FAZ gefiel der Film weniger gut.
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