Filmkritik:
The Da Vinci Code - Sakrileg
(The Da Vinci Code) USA 2006 R: Ron Howard D: Tom Hanks, Audrey Tautou, Ian McKellen, Alfred Molina, Jürgen Prochnow, Paul Bettany, Jean Reno, Etienne Chicot, Jean-Pierre Marielle Filmwebsite
In dieser Verfilmung des Bestsellers von Dan Brown muss der amerikanische Symbolologe Robert Langdon einen Mord und viele Geheimnisse aufklären. Blickpunkt:Film schwärmt lediglich von der Besetzung.
Verena Lueken von der FAZ ist maßlos enttäuscht: "Schlimmer hätte es nicht kommen können." Nach all den Marketingbemühungen und religiösen Streitereien bekomme man nun einen Film zu sehen, bei dem Regisseur Ron Howard "überhaupt nichts eingefallen" ist: "Er spielt die Geschichte vom Blatt, er läßt die Figuren ununterbrochen reden, erklären, dozieren, laut denken, wie sie es im Buch tun. Zwischendurch jagt er sie durch touristisch wohlerschlossenes Gelände und sorgt dafür, daß kein Staubkorn an ihren Schuhen hängenbleibt, kein Windhauch ihr Haar zerzaust und niemals ihre Nase glänzt." Hinzu komme eine pompöse Kamera.
Rüdiger Suchsland (Frankfurter Rundschau) hat der Film auch nicht besser gefallen. Howard reihe "brav und bieder die Szenen des Romans aneinander." Es fehle der Mut die Geschichte weniger "keusch" zu erzählen. "Auch gestattet sich Howard keine visuellen Exzesse, keine ironischen Witze à la Spielberg, keine exzentrischen Kameraeinstellungen, keinen Spott auf religiöse Überzeugungen." Alllerdings visualisiere er "die Interpretation von Leonardos Abendmahl und mit ihr die von fast allen Wissenschaftlern abgelehnte Legende von Maria Magdalena als der Braut Jesu" , was die Kirche so verärgere. Weil der Film "unsere Vorstellungen von Wahrheit historisiert und Überlieferungen jeder Art relativiert, taugt er zumindest nicht für Dogmatismen welcher Art auch immer."
Alexandra Stäheli von der Neuen Zürcher Zeitung schien es, "als hätte man den sowieso schon fleischarmen Roman einfach in eine Dörranlage gesteckt". Man habe die Geschichte "schlicht und pragmatisch auf diejenigen Elemente gestrafft, die zum Verständnis der ganzen Zusammenhänge gerade noch nötig sind (...) und Regisseur Ron Howard hat das Ganze dann in die naheliegendsten Bilder übersetzt." Der Film wirke wie eine "heruntergehaspelte Fingerübung".
Charles Martig vom Filmdienst schreibt, der Film sei zwar "deutlich entfernt vom Anspruch eines Meisterwerks", aber gar so schlecht sei er auch nicht. Vor allem Tom Hanks ("der das eigentlich Unmögliche möglich macht") und Audrey Tautou haben ihm gefallen. Howard gehe "sehr routiniert" vor und unterwerfe "sich den Regeln des Genre weitgehend". Die Nähe zum Agententhriller sei "offensichtlich". Der Film biete "populäre Unterhaltung" und die Kritik an der katholischen Kirche sei "deutlich abgeschwächt".
Bert Rebhandl (Spiegel Online) vermisste "jede Dynamik (...). Die Spannungsdramaturgie des Buchs, das in kurzen Kapiteln jeweils ein neues Rätsel entwarf und ein altes klärte, geht bei Howard völlig verloren." Eigentlich hätte sich der Film "am historischen Kostümschinken, am Bibelfilm, an der 'greatest story ever told'" messen lassen müssen, davon seien aber nur "Schemen" zu sehen.
Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung sieht die Sache recht entspannt. Die Romanform fand er etwas geeigneter für so eine Geschichte, aber schimpfen mag er auch nicht: "Den Anspruch des Autors, eine maximale Fülle von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien auf jede Buchseite zu packen, übersetzt der Film in einen wahren Informations-Overkill. Hier wird in geradezu atemberaubenden Tempo referiert, kombiniert und geschlussfolgert. (...) In der Verdichtung auf zweieinhalb Stunden werden die Konventionen des Thrillers, die dem Stoff zu Grunde liegen, stärker spürbar."
Jürgen Schmieder von der Süddeutschen Zeitung fand es mutig, dass Howard versucht habe, "Seite für Seite, Theorie für Theorie" das Buch abzuarbeiten. "Er möchte das gesamte Gedankengut Browns auf der Leinwand sehen, notwendigerweise werden wichtige Informationen in hölzerne Dialoge verpackt." Die Spannung bleibe dabei aber etwas auf der Strecke. Auch mit seinen Bildern könne der Film "nicht glänzen", dafür sei Tom Hanks "großartig", wie auch die übrige Besetzung. "Bei aller berechtigten Kritik: The Da Vinci Code ist ein Film, den man sich gerne ansehen wird. Es ist kein Meisterwerk, aber ein gelungener, grundsolider Krimi mit Verschwörungstheorien. Harmlos, aber gut gemacht."
Cristina Nord von der taz schreibt, der Film wolle zu vieles auf einmal sein: "Doch das Wesentliche, die Art und Weise, wie die Hauptfiguren Langdon und Neveu in die Verschwörung verwickelt sind, lässt eigentümlich kalt, nicht zuletzt, weil Ron Howard sich keine Zeit nimmt, dem Publikum die Werkzeuge zum Rätsellösen in die Hand zu geben; das bleibt jeweils Langdons Verstand und Neveus Intuition überlassen."
Hanns-Georg Rodek von der Welt schreibt, ausgerechnet Tom Hanks sei "der große Schwachpunkt" des Films. "Er wird verblüfft, mitgeschleppt, niedergeschlagen. Ständig reagiert er, anstatt zu agieren. Nun ist Hanks noch nie ein heldenhafter Typ gewesen, aber Da Vinci Code billigt ihm nicht einmal den Part des ruhenden Pols zu, des Durchschnittsbürgers, der über sich hinauswächst, sondern verurteilt ihn zu einer merkwürdigen Lethargie." Howards Film nennt Rodek "eine kompetente Verfilmung", solides Handwerk.
In der Zeit wird der Film als "eher mittelmäßig geratener Thriller" bezeichnet.
Barbara Schweizerhof von epd Film ist nicht begeistert. Die Werktreue sorge dafür, dass der Film "ungeheuer geschwätzig" wurde und "die großen Schwächen der Vorlage mehr betont als verdeckt." Audrey Tatous Rolle sei "nur dazu da, damit die Männer um sie herum ihr erklären können, was Sache ist." Sie komme "gegen die Blödheit dieser Konstruktion nicht an" und auch den anderen hervorragenden Schauspielern werde kein Raum zur Entfaltung gegeben. Schlimm fand Schweizerhof auch die Szenen, "mit denen die Erzählungen über Jesus und Maria Magdalena, über die Tempelritter und den Orden von Sion illustriert werden." Sie erinnern an die "History-Formaten des Fernsehens", was aber auch konsequent sei: "Browns Roman verdankt der Geschichtsklitterung dieser Fernsehformate sehr viel."
Für Christiane Peitz vom Tagesspiegel hat der Film etwas von einem "Powerpoint-Vortrag. Damit die Lektion nicht so dröge wird, gibt’s illustre Schauplätze satt. Besuchen Sie Europa in 150 Minuten". Hollywood blicke im Da Vinci Code "mit Faszination und Schrecken, Neid und Abscheu auf das okkulte, obskure alte Europa".
Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel erzählt von den Reaktionen der Journalisten auf den Film (u.a. Gelächter) und von der Pressekonferenz bei den Filmfestspielen von Cannes.
Andreas Maurer von der Neuen Zürcher Zeitung schreibt über den die Marketing Kampagne: "die Halbwertszeit des Filmmediums schrumpft zusehends. Grade weil man, wenn nach all dem Trara endlich das Werk enthüllt wird, immer häufiger enttäuscht realisiert: Der Hype war der Film."
Volker Corsten von der Welt am Sonntag hat der Film zwar nicht gefallen, aus ihm spricht aber die Einsicht, an seinem Erfolg nichts ändern zu können: "Für Ron Howard und seine Weltauswahl um Tom Hanks, Audrey Tautou, Jean Reno und Ian McKellen lag der Ball (...) quasi vor dem leeren Tor. Man kann sich zwar darüber ärgern, daß er keinen Kunstschuß wagte, sondern den Ball einfach nur reinstolperte. Drin ist der trotzdem."
Rüdiger Suchsland porträtiert im Tagesspiegel Audrey Tautou. Die Welt porträtiert Tom Hanks. Gerhard Midding (epd Film) interviewt Ian McKellen.
Von einem religiösen Standpunkt aus gesehen ist der Film umstritten, deshalb gab es eine Kontroverse. Davon hier eine Auswahl:
Die NZZ schreibt ausführlich über "Italien und der Da Vinci Code". Spiegel Online bringt ein Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Christoph Kähler, über die Hintergründe von Film und Buch.
Die Welt meldet, dass der Film in Indien verboten werden könnte. (18.5.)
Der katholische Geheimbund "Opus Dei" protestiert, erhofft sich von The Da Vinci Code - Sakrileg aber auch Werbung in eigener Sache, schreibt die Welt. Spiegel Online bringt ein Interview mit Opus-Dei-Sprecher Hartwig Bouillon. Die NZZ widmet sich der politischen Theologie in Dan Browns Thriller. Bernd Graff schreibt in der Süddeutschen Zeitung unter der naheliegenden Überschrift "Der Da Vinci Kot", das eigentliche Sakrileg sei "die synthetisch erzeugte Welle der Aufregung, die Buch und Film in den Nachrichten halten soll". Auch Susan Vahabzadeh (SZ) widmet sich der Debatte um Buch und Film. (17.5.2006)
Die FAZ und die Welt bringen kurz vor der Premiere von The Da Vinci Code - Sakrileg weitere Hintergrund-Artikel zu Film und Buch. Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky hat den Film "generell begrüßt", meldet überdies die Welt. (15.5.2006)
FAZ.net widmet sich ausführlich den Hintergründen des Films und seiner literarischen Vorlage "Sakrileg". (13.5.2006)
Auch die anglikanische Kirche Australiens gibt sich besorgt über den Jesus-Film Sakrileg, meldet die taz. (4.5.2006)
Der Vatikan mag The Da Vinci Code nicht und hofft, dass wir alle den Film boykottieren werden, meldet Spiegel Online. Schon die Romanvorlage 'Sakrileg' sei "scharf anti-christlich" und "voller Verleumdungen, Beleidigungen und historischer sowie theologischer Fehler". (29.4.2006)
Peter Körte (FAZ) kommentiert die Proteste von kirchlicher Seite gegen den Film The Da Vinci Code. (20.4.2006)
Die taz mokiert sich über das Marketing im Vorfeld des Films The Da Vinci Code. (13.4.2006)
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