Die Filmstarts vom 19. November 2009
  66/67 - Fairplay war gestern
  Another Glorious Day
  Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte
  Bandaged
  Die Unwertigen
  Das gelbe Segel
  Gesetz der Rache
  Host and Guest
  Liebe Mauer
  Paranormal Activity
  Tannöd
  This Is Love
  Wenn wir zusammen sind

A B C D
E F G H
I J K L
M N O P
Q R S T
U V W X
Y Z 0-9

Durchsuchen Sie unsere Website:

Aktualisiert am 25.11.2009

Filmkritik:

Tannöd

Tannöd

D 2009 R: Bettina Oberli D: Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch, Brigitte Hobmeier, Filip Peeters, Gundi Ellert, Lisa Kreutzer, Vitus Zeplichal 97 Min. Filmwebsite
Abgelegen im blauschwarzen Tannenwald liegt er, der Mordhof. Hier wurde die gesamte Familie Danner brutal mit der Spitzhacke erschlagen, auch die Kinder und die neue Magd. Als zwei Jahre später die junge Kathrin im Dorf auftaucht, ist der Täter noch immer nicht gefunden. Bald erkennt sie hinter dem dichten Netz aus Lügen und Schweigen eine tiefe Schuld im Dorf, und ahnt, dass der Fall mehr mit ihr zu tun hat, als ihr lieb sein kann. Von Bettina Oberli lief 2007 Die Herbstzeitlosen in den deutschen Kinos.

Alexandra Wach (Filmdienst) kommt zu einem gemischten Urteil: "Was sich im Buch als erzählerisches Mosaik zur so komplexen wie spannenden Struktur steigerte, verliert sich im Film mitunter im allzu wohl dosierten Stimmenrauschen. Nur Monica Bleibtreu setzt einen Kontrapunkt (...) und setzt sich in ihrer letzten Kinorolle mit einer atemberaubenden Wut im Bauch selbst ein Denkmal. Und dann ist auf einmal auch der Sog wieder da. Das liegt nicht zuletzt an dem hervorragenden Set-Design, das die Räume mit religiösen Utensilien mystisch auflädt und dabei das Kunststück schafft, die Gefahr des Ausstattungsstücks mit der nötigen Portion Naturalismus zu umschiffen."

Peter Körte von der FAZ hingegen kann dem Film nicht viel abgewinnen: "Tannöd folgt nicht der Chronologie; die Handlung springt zwischen der Zeit vor und unmittelbar nach dem Mord und den Tagen von Kathrins Besuch. Doch die Rückblenden wirken beliebig, weil sie nie einer klaren Perspektive zugeordnet sind. Das ist nur eine der Entscheidungen, die dem Film nicht gut bekommen sind. Die Regisseurin Bettina Oberli hat sich auch nicht entscheiden können, ob sie nun eher naturalistisch oder lieber allegorisch erzählen will. (...) Die Großaufnahmen von Gegenständen wirken bald nur noch so penetrant wie die Paraphrasen der Musik, und man schwiege lieber ganz von jenem aseptischen Kunst-Bayerisch, das alle sprechen müssen, weil es unbedingt eine Art Dialektsound sein sollte."

In der NZZ lesen wir: "Wie ein Schattenriss zu den heiteren «Herbstzeitlosen» untersucht «Tannöd» – getragen von einem starken Schauspielerensemble rund um Monica Bleibtreu in einer ihrer letzten Rollen – die dunklen Seiten des Dorflebens; der Film vermisst damit eine Situation des huis clos, in dem alle von Ausbruch träumen und niemand den Schritt nach aussen wagt."

Daniel Sander von Spiegel Online meint, Tannöd entwickele sich "vom Horrorfilm zum Sittengemälde, aber als solches mag der Film nicht richtig funktionieren". Wie man "mit subtilen Mitteln das Bild einer Gesellschaft zeichnet, die es sich in der eigenen Brutalität bequem gemacht und damit einen fatalen Moralkodex geschaffen hat", könne man in Michael Hanekes Cannes-Gewinner Das weiße Band besichtigen - der plakativere Weg in Tannöd wirke "weit weniger überzeugend".

"Jede Menge Dräuendes und Drängendes ist in die Bilder gepackt", tadelt Dirk Knipphals von der taz. "Wen will Bettina Oberli da immer so beeindrucken?", rätselt er. Für einen "wirklich ethnologischen Blick" sei das alles "zu ungenau, für einen wirklichen Thriller fehlt die Dramaturgie", und fast jede Einstellung kenne man aus dem "Tatort", "wenn es die Kommissare mal aufs Land verschlagen hat und Lokalkolorit eingefangen werden soll".

Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung ist nicht zufrieden: "Was das Kino aber könnte, wofür es berufen ist, das ignoriert der Film - die Grenze zu erforschen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren". Am Ende sei Tannöd "gleich weit entfernt von der exzessiven Waldeswildheit in Lars von Triers Antichrist wie von der coolen Haneke-Durchtriebenheit in Das weiße Band". Meistens trage er die "Markierung Bestsellerproduktion".

Peter Zander von der Welt attestiert der Regisseurin, sie bürste "immerhin das Genre gegen den Strich: So viel ist im Heimatfilm noch nie über Schuld geredet worden".

"Warum mussten die Filmemacher Fallgruben ausheben, in die sie dann selbst stürzten?", wundert sich Julian Hanich vom Tagesspiegel. Die Macherinnen verließen sich nicht auf die Romanhandlung, die "einfach, knapp und von beachtlicher Wucht" sei, sondern bürdeten ihr "zusätzliche Handlungslast" auf.

Die NZZ hat Bettina Oberli interviewt. Die Welt sprach mit der Regisseurin Bettina Oberli und dem "Projekt-Begleiter" Bernd Eichinger.
Der Tagesspiegel berichtete vor einem Jahr von den Dreharbeiten.

Was läuft wo?
Welcher Film, welche Stadt, welches Kino, welche Uhrzeit - finden Sie's raus mit dem Cinema-Kinotimer