Die Filmstarts vom 20. August 2009
  Fräulein Stinnes fährt um die Welt
  Horst Schlämmer - Isch kandidiere!
  Inglourious Basterds
  Pink
  Schreibe mir - Postkarten nach Copaca...
  Summertime Blues
  Tengri - Das Blau des Himmels

A B C D
E F G H
I J K L
M N O P
Q R S T
U V W X
Y Z 0-9

Durchsuchen Sie unsere Website:

Aktualisiert am 21.08.2009

Filmkritik:

Inglourious Basterds

Inglourious Basterds

USA/D 2009 R: Quentin Tarantino D: Brad Pitt, Diane Kruger, Eli Roth, Mélanie Laurent, Christoph Waltz, Daniel Brühl, Samm Levine, Eli Roth, B.J. Novak, Til Schweiger, Mike Myers, Cloris Leachman 154 Min. Filmwebsite
Im deutsch besetzten Frankreich muss Shosanna Dreyfus mit ansehen, wie ihre Familie durch den Nazi-Oberst Hans Landa brutal hingerichtet wird. Nur knapp kann sie entkommen und flieht nach Paris. Zur gleichen Zeit formt Offizier Aldo Raine eine Elitetruppe aus jüdischen Soldaten, die gezielte Vergeltungsschläge gegen Nazis und Kollaborateure durchführen soll. Gemeinsam mit seinen acht Männern wird er in Frankreich abgesetzt, um dort unterzutauchen und in Guerilla-Einsätzen Nazis zu jagen und töten. Schon bald werden sie von den Deutschen als "Die Bastarde" gefürchtet.

Für Rüdiger Suchsland schreibt beim Filmdienst, dies sei für ihn "neben Kill Bill und Jackie Brown" Tarantinos "bester Film", denn hier habe der Regisseur "wirklich etwas zu sagen, und er hat einen starken Gegner, den er attackiert". Manchmal sei das alles "fast ein bisschen zu intellektuell, um ganz großes Kino zu sein", jedenfalls aber "überaus unterhaltsam". Erzählt werde "im herkömmlichen Sinne undiszipliniert und unökonomisch, in der für Tarantino so typischen Mischung aus Autorenkino und B-Movie zugleich". Sein Kino sei "seit jeher zweierlei" - "es ist Fetischkino, verliebt in Objekte und Dekors, das auch seine Darsteller immer wieder in Objekte und Dekors zerlegt"; zugleich sei es "transgressiv, ein Kino der lustvollen Überschreitung des Erlaubten. Im Historiendrama meint das: die historische Wirklichkeit". Inglourious Basterds sei damit "zwar ein Film, der in keiner Weise an belegbaren Fakten interessiert ist, aber dennoch "Authentizität" anstrebe; die liege aber "woanders: in einer „höheren Wahrheit“. Die "allzu oft ignorierte Frage", die Tarantinos Film noch einmal stellt, seiie man die Nazi-Zeit darstellen könnte, ohne ihrer Ästhetik zu verfallen, wie man das Kino und überhaupt die Pop-Kultur vor dem Nazi-Kino retten kann". "Großartig in ihrer Doppelbödigkeit und Schönheit" fand der Kritiker die Kamera von Robert Richardson.

"Weil Tarantino so ein präziser und inspirierter Regisseur ist, spürt man das sinnliche, das fast schon musikalische Vergnügen an diesem Film, lange bevor er kracht, knallt und explodiert", stellt Claudius Seidl von der FAZ fest. Es sei, "als wollte Tarantino mit diesem Film, in dem der Filmproduzent und Chefmanipulator Joseph Goebbels eine wesentliche Rolle spielt, demonstrieren, was für eine wirksame Emotionsmanipulationsmaschine das Kino ist. Und wie gut er sie beherrscht". Den Kritiker erfreute dieser Film, "der den Untergang nicht als Tragödie, sondern als Farce inszeniert; der angesichts von Hakenkreuzfahnen und Uniformen nicht die Hacken zusammenschlägt und ehrfurchtsvoll den Blick senkt; der aus den Nazis nicht Dämonen macht, sondern sie als das inszeniert, was sie wohl wirklich waren: Pack, pompöser Trash, durch und durch triviale Bösewichte". Und dieser Film sei "genau das, was sein Titel verspricht, ein Bastard von unzuverlässiger Herkunft, ein Werk, in dem sich die Herkunftslinien der Filmgeschichte mischen und dabei etwas Neues, bislang Unbekanntes zeugen, ein einziger Anschlag auf jedes ästhetische Reinheitsgebot".

"So verwandelt sich im flirrenden Irrealis des B-Pictures die Ohnmacht, die man angesichts des realen Verlaufs der Geschichte empfindet, in Aggression und Selbstermächtigung", schreibt Cristina Nord von der taz; Inglourious Basterds biete "den Raum, diese Empfindungen auszuagieren. Das ist eine befreiende Erfahrung".

Martin Walder von der NZZ meint, dem "eleganten Darsteller Christoph Waltz gehört der Film, an dem die superben Dialoge zum Besten gehören". Inglorious Basterds sei "nicht einmal mehr Satire, sondern zweckfrei überbordendes Fabulieren im Klischeefundus des Naziterrors". In welcher Art man den Film "goutiert oder nicht", reduziere sich "auf eine Geschmacksfrage – je nach Generation, biografischem Hintergrund, Komplexität des kulturellen Wissens und der Fähigkeit zur mehrschichtigen, widersprüchlichen Wahrnehmung".

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel hat eine "faszinierend erlösende historische Fiktion" gesehen. Wie Inglourious Basterds "für Quentin Tarantino vielleicht bereits der Film seines Lebens ist (Pulp Fiction war eine schöne Anzahlung darauf), spielt Waltz hier die Rolle seines Lebens".

"Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass "Inglourios Basterds" nicht nur eine Weltkinosensation ist, denn das ist jeder Quentin-Tarantino-Film, sondern auch ein deutsches Kinoereignis", meint Michael Kohler von der Frankfurter Rundschau angesichtes der deutschen Schauspieler, deren Mitwirken einer "efreiung aus dem Gefängnis des deutschen Film- und Fernsehalltags"gleichkomme. Tarantinos "größtes Problem" bleibe allerdings, dass ihm "jede einzelne Szene unendlich kostbar ist und er darüber gerne vergisst, wie am Ende alles zusammengehen soll". Sein Film handele "weder von Menschen noch von der Geschichte, sondern allein von seiner Liebe zum Film".

Vergnügen bereitete Christoph Egger von der NZZ zum einen der "elegante Gestus des Connaisseurs, der seine krude Geschichte raffiniert mit filmischen Anspielungen spickt, nicht zuletzt und gerade auch in der Musik"; zum anderen sei es der "für einen Amerikaner geradezu unerhörte Einsatz der Sprache". Dieses "Raffinement" bestätige "endlich wieder Quentin Tarantinos Rang, den er 1994 als Meister der filmischen Postmoderne mit Pulp Fiction etabliert hatte".

David Kleingers von Spiegel Online hat einen "ausufernden, widerständigen und bei aller zur Schau getragenen Dreistigkeit unerhört klugen Film" gesehen. Tarantino habe "mit dem visuellen Gedächtnis eines Elefanten, der Subtilität einer Dampfwalze und seiner aufrichtigen Leidenschaft für das Weltkino" tatsächlich etwas geschaffen, "von dem nach dem Abspann weit mehr als die Summe der einzelnen Teile bleibt".

Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung empfiehlt, den Film "ganz unbedingt" anzuschauen, denn "gleichgültig, ob man den Film nun lieben oder hassen wird - lauwarm dazwischen dürfte die Reaktion eher nicht ausfallen". Es gebe "so viel darin zu entdecken". Quentin Tarantino "schwingt filmische Tautologien, als seien es Baseballschläger. Er haut sein Publikum damit über den Kopf, sooft er Lust hat. Und er hat wahnsinnig Lust".

Hanns-Georg Rodek von der Welt hat bemerkt, wie wichtig Tarantino in seinen Filmen die Sprache ist. In Inglorious Basterds hebe er deren Bedeutung "auf ein ganz neues Niveau. Man lauscht nicht nur unvergleichlich coolen Dialogen, sondern wiederholt entscheidet die (Nicht-)Beherrschung einer Sprache sogar über Leben oder Tod". Sie entscheide auch darüber, "wie viel Vergnügen man hat, und deshalb ist vom Besuch der deutsch durchsynchronisierten Fassung dringend abzuraten". Tarantinos "unersättliche, vorurteilsfreie Neugier auf das Abgelegene" mache ihn zu einem "vorbildlichen Globalisierer: Verbreitet nicht die immergleichen Marken in die abgelegensten Winkel, sondern umarmt das Fremde, Unbekannte!" Im Fall Inglourious Basterds profitiere "die deutsche (und, generell, europäische) Popkultur".

Jens Jessen von der Zeit meint, sooo könne man mit dieser geschichtlichen Epoche nicht umspringen: "Die historische Situierung des Stoffes ist in Wahrheit nur wie die Rahmenhandlung in einem Porno: ein Vorwand, um zur Sache zu kommen. Und das ist das eigentlich Obszöne: dass die Empathie für die jüdischen Opfer und der ohnmächtige Wunsch, die Geschichte möge anders verlaufen sein, nur zum Anknüpfungspunkt einer taumelnden Orgie bluttriefender Gewalt dienen". Das "Brutalste" des Films sei "seine Leichtfertigkeit. Es ist ihm alles nur ein blutiger Scherz".

Georg Seeßlen erklärt bei Spiegel Online, "warum gerade wir Deutschen dieses Werk brauchen".

Der Tagesspiegel hat sich Tarantinos 1977 gedrehtes Vorbild angesehen, The Inglorious Basterds von Enzo G. Castellari. Georg Seeßlen schreibt im Tagesspiegel über das "bastardischen Kino des Quentin Tarantino".

Interviews mit Quentin Tarantino führten Spiegel Online, der Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung und die Welt. Der Tagesspiegel, die FAZ und die Welt haben mit Christoph Waltz gesprochen.

Die Welt berichtet von der Premiere von Inglourious Basterds in Berlin, zu der "sämtliche Stars mit Regisseur Quentin Tarantino" angereist waren. Die taz porträtiert aus diesem Anlass das "Selfmadegenie" Tarantino.

Inglorious Basterds lief im Wettbewerb von CANNES 2009. Christoph Waltz wurde als bester Schauspieler ausgezeichnet.
Christoph Egger von der NZZ war überrascht, "wie sorgfältig Tarantino gearbeitet hat – nicht in Bezug auf historische Genauigkeit oder 'Wahrhaftigkeit'", vielmehr in Bezug auf die "Sorgfalt, die er an die Sprache gewendet hat, das sichtliche Vergnügen, mit dem er seinem amerikanischen Publikum höchst elaborierte Passagen auf Französisch, vorzugsweise aber auf Deutsch vorsetzt".

Für Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau ist Inglourious Basterds eine immer schillernder werdende "Mixtur aus Pulp- und Comicwelten", eine "großartig montierte Collage". Tarantinos "Liebe zum deutschen Unterhaltungsfilm" sei "grenzenlos". Im Fall von Christoph Waltz, der "charismatisch, dämonisch und in vier Sprachen" den Schurken gibt, "geschah am Mittwochabend in Cannes das Wunder: Ein Weltstar ist geboren".

Cristina Nord von der taz hat der Film einigen "Spaß" bereitet: "Tarantino bewegt sich wie gewohnt in einem hochartifiziellen Universum. Diese Künstlichkeit sichert ihn gegen den Vorwurf der Geschmacklosigkeit ab. Und auch wenn Inglourious Basterds dem Kino zutraut, der Ort zu sein, an dem die Welt gerettet wird, so ist der Film doch auch so smart, es hinterher in Flammen aufgehen zu lassen."

Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung zitiert eingangs Quentin Tarantinos Antwort auf die Frage "Warum Cannes?": "Weil die Filmfreaks der ganzen Welt hier versammelt sind! Weil die ganze Erwartung sich auf einen Moment, eine einzige irre Nacht konzentriert! Weil gebuht und gejubelt wird, und weil selbst in den Buhs mehr Leidenschaft für das Kino steckt, als anderswo überhaupt vorstellbar wäre... Weil Film hier, himmelnochmal, Bedeutung hat!! Und weil du die Katze mit Karacho aus dem Sack lassen kannst, für den ganzen verdammten Planeten Erde!" Tarantino sei "kein grausamer Filmemacher", meint Kniebe: "Er will nur grandiose Set-ups schaffen und dabei alle Zeit der Welt haben, und er will, mit der geballten Liebe des Cinemaniacs, grandiosen Schauspielern bei der Arbeit zuschauen. Was er dann auch macht. In Inglorious Basterds hat er, wie der freundlicher Applaus und das Ausbleiben jeder politischer Reaktion am Ende beglaubigen, einen Feelgood-Film gedreht. Geht das, selbst mit Nazis? Offensichtlich."

Rüdiger Suchsland schrieb bei artechock: "Tarantino macht das, was nur das Kino kann: Den Gang der Geschichte ändern, der Phantasie, den Wunschvorstellungen freien Lauf lassen. Sein Film ist damit in allem DAS Gegenstück zum Stauffenberg-Drama Valkyrie, kein beflissenes, depressives, graues Drama, bei dem man schnell vergisst, was eigentlich nochmal das Problem mit den Nazis war, sondern bunt und grell, so pervers wie die Nazis waren, eine kontrollierte Überschreitung der historischen Wirklichkeit, der diese dadurch um so sichbarer macht."

Inglourious Basterds von Quentin Tarantino stellt für Verena Lueken von der FAZ eine Enttäuschung dar, "über weite Strecken jedenfalls": Blut und "was sonst so aus aufgeplatzten Körper spritzt oder rinnt", werde reichlich vergossen, die Dialoge seien "oft witzig", die Schauspieler ein "adäquater Haufen", aber das Ganze sei "etwas langatmig", "nicht dicht, sondern weitschweifig". Vielleicht sehe der Film, wenn er in die Kinos kommt, "ganz anders aus", denn mit zwei Stunden und vierzig Minuten Laufzeit "ist er viel zu lang, und das weiß auch Quentin Tarantino".

Auch Lars-Olav Beier von Spiegel Online meint, Tarantinos Film habe so viele Längen, "als handle es sich um die erste Rohschnittfassung" - Inglourious Basterds zu sehen "ist so, als würde man dem Blut beim Trocknen zuschauen". Tarantino beginne mit "totalem Stillstand - und nimmt danach langsam das Tempo heraus. Ohne jedes Gefühl für Timing walzt er seine Geschichte geschlagene 160 Minuten lang über die Leinwand".

Für Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel ist Inglorious Basterds eine "handfeste Überraschung": "Kein pures amerikanisches Genre-Kino, sondern ein durchaus ernsthafter, dialogstarker Autorenfilm". Tarantino führe seine Schauspieler zwar "eisern", zwinge sie aber "zu Höchstleistungen", er habe eine "politisch-historisch unglaublich befreiende Geschichte" zu erzählen und "der Filmgeschichte etwas Unvergessliches hinzugefügt".

Auch für Hanns-Georg Rodek von der Welt birgt Tarantinos Film einige Überraschungen - ein Gutteil des Originaldialoges spielt sich in Deutsch ab - und eine "Sensation" - der Star des Film sei nicht Brad Pitt, sondern Christoph Waltz. Auf jeden Fall manifestiere sich in Inglourious Basterds "ein Einschnitt in der Behandlung des Dritten Reichs durch das Kino": "Die Nazis sind kein lastender Schatten der Vergangenheit mehr, aus ihnen ist Genre-Spielmaterial geworden". Allerdings werde der Film "nicht Geschichte schreiben wie Pulp Fiction vor 15 Jahren an gleicher Stelle, dafür ist er in der Form nicht innovativ genug und bricht keine Tabus".

Die FAZ unterhielt sich mit Martin Wuttke, der im Film mitwirkt.

Was läuft wo?
Welcher Film, welche Stadt, welches Kino, welche Uhrzeit - finden Sie's raus mit dem Cinema-Kinotimer