Filmkritik:
A Serious Man
USA 2009 R: Ethan Coen, Joel Coen D: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, Michael Tezla, Alan Mandell, George Wyner, Peter Breitmayer 105 Min. Filmwebsite
Eigentlich lebt Larry Gropnik ein beschauliches Leben in einer kleinen jüdischen Gemeinde im Mittleren Westen der USA. Er ist ein liebender Ehemann, fürsorglicher Vater und erfolgreicher Professor. Aber irgendwie läuft plötzlich nichts mehr so wie gewohnt. Larrys Gattin verlangt plötzlich die Scheidung, um mit ihrem selbstgefälligen neuen Liebhaber zusammenleben zu können. Sein Sohn schwänzt die Schule, die Tochter bestiehlt ihn, um sich eine Nasenkorrektur finanzieren zu können. Sein psychisch labiler Bruder hockt nur noch auf der Couch herum. Und auch Larrys Karriere gerät ins Trudeln.
Dies sei, "natürlich", eine "biblische Geschichte", die die Brüder hier erzählen, meint Thomas Assheuer von der Zeit, nämlich die Geschichte von einem "amerikanischen Hiob". Der "persönlichste Film der Brüder Coen", gedreht ohne die übliche Superstar-Besetzung, "ganz so, als solle ihm jeder Hollywood-Glamour ausgetrieben werden", sei auch "ihr dunkelster und abgründigster Film" und dennoch von "hinreißender Komik" und voll "warmherzigem sardonischen Witz".
Holger Römers vom Filmdienst stellt fest, in der "eleganten, wenngleich nie extravaganten Inszenierung" sei von einer "vermeintlichen Zuneigung für die Figuren wenig zu spüren". Die Inszenierung, "mitunter auch Make-up und Lichtsetzung", rückten die Figuren in ein "ausgesucht unvorteilhaftes Licht", weshalb "einige amerikanische Kritiker in dem Film denn auch nur jüdische Karikaturen erkennen mochten".
"Für die Coen-Brüder bedeutet A Serious Man einen sehr interessanten Schritt", meint Bert Rebhandl von der taz, denn hier "wenden sie ihr Markenzeichen, eine elegante, schwer greifbare Ironie, auf zwei Gegenstände an, die sich diesem Zugriff entziehen: die eigene Kindheit und das Unbedingte der Religion".
Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel schreibt: "Religion ist hier nicht die Sinngebung des Sinnlosen, sie ist der letzte Aufstand eines sich selbst fremd gewordenen Judentums, bevor es vollends ins Psychotherapeutische kippt".
Andreas Borcholte von Spiegel Online stellt fest, die beiden Filmemacher seien "selten mitleidloser" gewesen als in desem Film, auch wenn man ihnen "immer eine gewisse Lust an der Bosheit und einen manchmal allzu ungnädigen Umgang mit der conditio humana" unterstellen könne. Dieser "erwachsenste und abgründigste aller Coen-Filme" mache unmissverständlich klar, dass der Mensch mit Wandel und Veränderung, "die immer dann über einen hereinbricht, wenn man es sich gerade so richtig gemütlich gemacht hat", ganz alleine klarkommen müsse.
"Nach ihrem Oscar für No Country for Old Men“ hätten Joel und Ethan Coen im Kino in jede beliebige Richtung weitergehen können", stellt Andreas Kilb von der FAZ fest; dass sie sich für eine "autobiographisch gefärbte Geschichte" entschieden hätten, zeige, "mit welchem Ernst sie das Spiel mit den Bildern betreiben". Die "Meisterschaft", mit der die Coens die Sinnfrage des Protagonisten filmisch formulieren, mache selbst "die finstere Antwort, die sie in A Serious Man geben, zu einem Gewinn".
"Es ist schon überraschend, ausgerechnet von den oft für ihren Sarkasmus kritisierten Coens eine derart bibelfeste Predigt zu erhalten", meint Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau. Aber sie wären nicht die "Wegbereiter eines postmodernen Kinos der Zitate und Metaebenen, die sie sind", wenn sie es "bei der einfachsten Lesart beließen". A Serious Man könne von der "kühlen, makabren Hitchcock-Perfektion des Vorgängers No Country for Old Men "kaum entfernter sein. Es ist die warme, tragikomische Perfektion eines Billy Wilder".
Laut Alexandra Stäheli von der NZZ sind die beiden Filmemacher "nach Annäherungen an den Mainstream" (No Country for Old Men, Burn After Reading) nun wieder in die "Gewässer jener seltsam widerborstigen Lakonie zurückgekehrt, die keinem Genre zugeordnet werden kann". Dass die Zeichnung der Charaktere in diesem Film "wieder einmal speziell prägnant ausgefallen ist", liege nicht nur an dem "hervorragenden Ensemble", sondern auch an der Tatsache, "dass sie nach all den Rollen für George Clooney auf die Magie der Stars verzichtet haben".
Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung schreibt, die Coens ziehen uns hinein in die Welt ihrer Jugend, und dann "werfen sie uns wieder hinaus, mit einem Lachen von göttlicher Undurchschaubarkeit. Dem ausgeliefert zu sein, verbindet uns Zuschauer auf brüderliche Weise mit Gopnik, dem Helden. Aus dieser Verbrüderung entsteht auch die enorme, düsteren Komik des Films. Larry Gopnik ist unfähig zu erkennen, wer ihm seine Lebenskrise eingebrockt hat. Wir sind es nicht. Es hilft uns aber auch nicht weiter".
"Wollte man im Werk der Coens einen Mangel ausmachen, wäre es wohl das Mitgefühl", meint Harald Peters von der Welt. Eigentlich sei es dieses Mal kaum anders, "doch die Tonlage hat sich geändert" - ausgerechnet für Larry "zeigen die Coens plötzlich Herz". Dies sei "wahrscheinlich der heiterste Film, den die Coen-Brüder je gedreht haben", "möglicherweise auch ihr bester, wenn nicht sogar ihr mutigster Film".
Der Tagesspiegel, die Zeit und Spiegel Online haben mit den Coen-Brüdern gesprochen.
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