Filmkritik:
Die Träumer
(The Dreamers) Gb/F/I 2003 R: Bernardo Bertolucci D: Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Robin Renucci, Anna Chancellor Filmwebsite
Frühjahr 1968 in Paris: drei junge Leute - ein französisches Geschwisterpaar und ein amerikanischer Freund - geben sich in einer großbürgerlichen Wohnung der Liebe zueinander und zum Kino hin, während draußen die Mairevolte beginnt.
Die Träumer ist eine "Reminiszens an eine Epoche, in der das Unmögliche möglich schien", meint Blickpunkt:Film; der "Abgesang auf nicht gelebte Utopien" werde zur "delikaten Liebeserklärung an das Kino und die Jugend".
Der Film schaue seinen Figuren "beim Leben zu: aufstehen, baden, essen, lieben, reden, Filme gucken", stellt Rüdiger Suchsland vom Filmdienst fest; man sehe "viel nackte Haut", aber "ganz unverklemmt" werde das Leben in der Wohnung als "paradiesischer Zustand der Seligkeit" gezeigt. Da sei "kein bisschen Altherrenfantasie" im Spiel, vielmehr werde das "jugendlich cool und gelassen" gezeigt. Dafür inszeniere Bertolucci die "Erotik des Kinos umso schwelgerischer, pathetischer, im guten Sinne nostalgisch - nämlich als Erinnerung an ein Kino, das nicht Unterhaltung und Eskapismus im Sinn hatte, sondern Befreiung". Stets vermeide der Film das "Abgegriffene und Bekannte, mit dem man 1968 in immer wieder den gleichen Bildern schildert".
Eher verständnislos hat Marli Feldvoss von der Neuen Zürcher Zeitung den Film aufgenommen. Was Bertolucci uns da vorführe, sei "nur noch opulentes Kino mit schönen jungen Menschen, die - weiss Gott warum - zum Schluss doch noch zu politischem 'Bewusstsein' kommen und auf die mittlerweile verbarrikadierten und brennenden Strassen gehen".
Für Fritz Göttler ( Süddeutsche Zeitung) ist Bertoluccis "Meisterstück" ein Film, "den man liebkosen muss". Dabei sei er "wirklich verrückt", "völlig grotesk". Es sei "phantastisch", wie Bertolucci "wieder einmal Akteure aufgespürt hat, die sofort eine erotische Beziehung mit der Kamera eingehen". Wie die Jugendlichen "anfangs die Straßen von Paris durchstreifen und als ihr natürliches Terrain reklamieren, das filmt Bertolucci mit einer Grazie, die einmalig ist im Kino".
Für Birgit Glombitza von der taz hingegen interpretiert den Film Altmännerfantasie, in der "nach Kräften die Filme der Nouvelle Vague" zitiert würden, von deren "Körperpolitik" aber wenig begriffen worden sei. Bertolucci "schert sich nicht um Bilder (...), nicht um eine Fiktion, die sich eigensinnig aus der Realität schält. Er konstruiert an der Handlung, werkelt am Licht, biegt und fummelt und nimmt sich dabei vor den eigenen Klischees nicht in Acht". Seine Perspektive "ist nicht die eines Filmhistorikers, auch nicht die eines immer noch fliegenden Pflastersteins, sondern die eines gealterten Regisseurs, der es sich auf dem Hochsitz des Väterlichen gemütlich gemacht hat".
Hanns-Georg Rodek von der Welt ist etwas enttäuscht über den verschwommenen Blick auf die historischen Ereignisse: "Nun ließen 35 Jahren Abstand einen abgeklärter Blick zurück erwarten, doch bleiben Die Träumer tödlich unentschlossen". Der Film erstrahle dennoch "für Cinéasten eine Weile in unwiderstehlichem Glanz, und den verdanken sie Bertoluccis Passion fürs Zitieren", aber so manche "schiefgedachte Anspielungen" spare sich besser, "wer im Grunde nichts zu sagen hat".
Christiane Peitz kritisiert im Tagesspiegel, der Film leiste sich "geschwätzige, gefallsüchtige Bilder". Das sei "kein allererster Tango in Paris, bloß ein abgeschmacktes Tänzchen". Jedes der "vermeintlich neuen Skandalbilder" bleibe "Kunsthandwerk, Softporno, Altmännerfantasie". Bertolucci bediene "jene Nostalgie, die er gerade vermeiden will".
Georg Seeßlen von der Zeit hält Die Träumer für einen "ziemlich unverschämten Film, und das vielleicht macht seine eigene Poesie aus". Anders als die meisten Filme über die 68er betrachte der Film die Epoche "nicht von einem tragischen oder trivialen Ende aus. Es ist nicht der Narziss Bertolucci, der sich noch einmal in die süße Zeit vor der Revolution träumt, es ist der erwachsene Künstler, der nach dem Zusammenhang von Narzissmus, Kino und Revolte fragt". Die "Botschaft, wenn man denn schon eine suchen will", liege in der "Offenheit, der Freiheit, der Leichtigkeit, mit der sich der Regisseur zugleich in seinem eigenen Kosmos und in der Geschichte der Revolte bewegt".
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau meint, es sei "ein ums andere Mal entwaffnend", wie Bertolucci "Filmklassiker aus der Laune des Augenblicks herbei zitiert". Seine "kleine Geschichte des Kinos" erzähle er "unverkrampft und nie belehrend", er finde "wunderbare Bilder für diese kleine sexuelle Freiheit, die sich da in einer bürgerlichen Pariser Intellektuellenwohnung Raum verschafft". Nie wieder hätten im Kino "politisches Bewusstsein und eskapistische Schaulust" so dicht beieinander gelegen wie in den späten Sechziger Jahren. Bertolucci "hat sich in seinen Filmen schon immer für beides entschieden, hier aber stimmt das Verhältnis seit langer Zeit einmal wieder. Es ist eine lustvolle Rückkehr, verspielt und charmant, mal smart und mal entwaffnend naiv".
Für Oliver Hüttmann vom Spiegel ist alles an diesem Film "reines Kino, Verführung, Verheißung und ein Versprechen". Dies sei ein "traumwandlerischer Nachruf auf eine Utopie, mit der sich auch Bertolucci als Träumer ausweist und einer der letzten Meister erlesener Tableaus, von dem man sich als Cineast gerne für zwei Stunden verführen lässt".
Die Welt am Sonntag hat sich mit Bernardo Bertolucci unterhalten. Die Süddeutsche Zeitung porträtiert den Schriftsteller und Filmkritiker Gilbert Adair, dessen Roman 'The Holy Innocents', 1988 veröffentlicht, als Vorlage des Films diente. Adair schrieb auch das Drehbuch für Die Träumer. In der Zeit hat Bertolucci einen Traum.
Infos zu diesem Titel
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 2.0, Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 5.1)
• Untertitel: Deutsch
• Bildformat: 16:9, 16:9
• Dolby, Surround Sound, PAL
• Laufzeit: 110 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 15. September 2004
• Produktion: 2003
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