Filmkritik:
Das Zimmer meines Sohnes
(La Stanza del figlio) ITA 2001 R: Nanni Moretti D: Nanni Moretti, Laura Morante, Jasmine Trinca Filmwebsite
Das Drama um einen Psychoanalytiker, der seinen Sohn durch einen Tauchunfall verliert, hat Blickpunkt:Film zwar gefallen, für eine lange Kritik hat's aber nicht gereicht. Das klingt dann so: "Ohne auf seine gewohnte Intelligenz und Scharfsinnigkeit zu verzichten, ist das hemmungslose Melodram vor allem ein Film, der den Zuschauer emotional packt." Die Kritik von Nikolaj Nikitin ( Der Schnitt) ist eindeutig die bessere Wahl. Obwohl kein ausgeprochener Moretti-Fan, hat ihn der Film überzeugt, ein "sensibles Porträt eines Mannes, der kaum in der Lage ist, mit dem Schmerz umzugehen und nicht weiß, wohin mit sich, unfähig, zum normalen Leben zurückzukehren." Moretti halte sich angenehm zurück, auch Laura Morante sei hervorragend und ein besonderes Lob verteilt er an die Filmmusik von Nicola Piovani. Urs Richter ( filmtext.com) vergleicht ein bisschen Äpfel mit Birnen, wenn er, den Film lobend, ihn den New York Trauerfeier-Bildern gegenüberstellt. Der Film hat ihm also gefallen, vor allem wegen seiner Botschaft: "Auch das nämlich ist eine Angst, die die Eltern gefangen hält: Unser Kind ist gestorben, wie soll es uns da gut gehen dürfen, wie dürfen wir uns je erlauben, wieder Freude zu haben. Moretti plädiert auf dieses Recht auf Freude ohne Familie, Schicksal, Glauben abzurufen, jene versöhnenden Instanzen, die normalerweise den wertkonservativen Kitt des Melodrams bilden. Er bringt keine überpersönlichen Gebote in Stellung gegen die Zufälle des Lebens, nicht gegen die schönen und nicht gegen die grausamen. Das Leben geht weiter - bei Moretti klingt diese Losung auf eine sehr achtbare Weise auch: selbstverständlich."
Daniel Haas vom Spiegel hat der Film ebenfalls beeindruckt, besonders wegen seiner unaufdringlichen Inszenierung: "Dem Vorrat an eingeschliffenen Zeichen, mit denen vor allem das US-Kino oft seelische Regungen bebildert, hat Moretti hier eine Ästhetik der Zurückhaltung entgegengesetzt - nuanciert, klug und jede Minute sehenswert." Hans Schifferle von der Süddeutschen Zeitung nennt den Film "ein Filmpoem auf die Liebe und das Leben im Angesicht des Todes." Es sei "gewiss ein nachdenklicher, grüblerischer Film wie schon einige Komödien Morettis, aber er besitzt auch eine unschuldige, beinahe naive Seite, welche gerade die Dinge neu betrachten lässt und den Film so traurig, so herzzerreißend, so schön macht. " Die Süddeutsche hat auch ein Interview mit Nanni Moretti geführt.
Christiane Peitz ( Tagesspiegel) war der Film nicht witzig genug, ihr fehlte Morettis übliche Ironie: "Angesichts des bitterernsten Themas hat Moretti sie sich versagt: Das macht seine Bilder flach, fast konventionell. Etwas fehlt - als sei Moretti im Zimmer seines Sohnes ein bisschen mitgestorben. Wobei der Verzicht auf erzählerische Schnörkel und Improvisation dennoch Geschwätzigkeit produziert: Die Musik plaudert schon vor Giovannis imaginierten Rückblenden den väterlichen Wunsch aus, die Zeit zurückzudrehen. Auch das Meer gerät ein wenig zu deutlich und häufig in den Blick - Achtung, Lebensmetapher!" Dennoch sei der Film nicht völlig misslungen. Auch der Tagesspiegel bringt ein Interview (gleiche Seite) mit Moretti.
Birgit Glombitza von der taz fand den Film auch nicht so gelungen.Er sei zwar eindrucksvoll, aber auch überfrachtet: "Vielleicht ist es gerade das kunstvolle Zuwenig, was auf die Dauer zu viel wird. Die konsequente Stilisierung, die unbedingte Kargheit. Nie haftet ihr etwas Beiläufiges an. Jedes Bild ist kostbar, jede der vielen Großaufnahmen auf angespannte und verzweifelte Gesichter wirkt wie ein Manifest der Trostlosigkeit. "
Holger Kreitling ( Die Welt) ist begeistert und auch ein bischen pathetisch: "Schmerz, Trauer, Verlustgefühle, Einsamkeit, Leere: Es ist alles da. Und doch stimmt der Film seltsam froh und - es mag ein ganz altmodisches Wort sein - dankbar."
In Heike Kühns ausführlichen Artikel in der Zeit erfahren wir viel über Morettis bisherige Filme. Das Zimmer meines Sohnes hat ihr sehr gut gefallen.
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau meint, der Film scheine so einfach und sei doch so unglaublich, weil es ihm gelungen sei den Tod zu thematisieren. Deutlich beeinflusst von Kieslowskis Dekalogserie unterscheide er sich doch in einem wichtigen Punkt: "Gott spielt keine Rolle bei der Verarbeitung des Unfassbaren. Der Alltag läuft weiter, aber nichts ist mehr von Bedeutung. Selten, ganz selten, wird im Kino so schonungslos ausgesprochen, was in einem solchen Fall passiert. Das Leid ist zu nichts gut, es macht uns nicht zu klügeren, stärkeren oder besseren Menschen." Die Frankfurter Rundschau bringt ebenfalls ein Interview mit Moretti.
Ekkehard Knörer von jump-cut rühmt Morettis Zurückhaltung bei diesem sensiblen Thema: "Er will nicht auf die Darstellung des Schrecklichen hinaus, er will nicht so tun, als könnte der Betrachter mit-leiden, schon gar nicht will er ihn dazu nötigen." Dabei erweise sich die konventionelle Machart des Films als Stärke, der Film beachte "die Grenzen des Darstellbaren".
Infos zu diesem Titel
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Italienisch (Dolby Digital 5.1)
• Untertitel: Deutsch
• Bildformat: 1.66:1
• Dolby, Surround Sound
• Laufzeit: 96 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 6. März 2003
• Produktion: 2001
DVD Features:
• Interview mit Regisseur Nanni Moretti
• Kinotrailer
• Programmvorschau
• Bildformat: Anamorph Widescreen (16 : 9)
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