Filmkritik:
Klassenfahrt
D 2002 R: Henner Winckler D: Sophie Kempe, Steven Sperling, Bartek Blaszczyk Filmwebsite
Unser wöchentliches Jugenddrama gib uns heute... : Klassenfahrt in Polen, erste Liebe, Mutproben, Todesfall, Erstlingswerk. Wie Blickpunkt:Film auf die Idee kommt die Klischees des Genres Teenfilm würden von American Pie definiert, finde ich langsam rätselhaft. Davon sei hier also keine Spur, stattdessen: "Jugendliche als Jugendliche zu sehen und zu zeigen, scheint Henner Wincklers Anliegen bei seinem Erstling gewesen zu sein." Und: "Mit scharfem Blick sind dabei einige Szenen mit genauer Auflösung und vorgegebenen Dialogen realisiert, andere aber erst während der Arbeit mit den jugendlichen Laiendarstellern entwickelt worden." Also: " Bleibt zu hoffen, dass dieser, unter anderem von der ZDF-Das kleine Fernsehspiel koproduzierte Teenfilm der ganz anderen, klugen und einfühlsamen Art nicht zwischen Blockbustern und Klamotten untergeht."
Sagte ich vorher "Klischees"? Sprechen wir doch lieber von "stilistische(n) Konstanten (Ralf Schenk, Filmdienst): den weitgehenden Verzicht auf äußere Dramatik, die Dominanz des Bildes vor dem Wort, das mitunter quälende Sicht- und Spürbarmachen vergehender Zeit, wobei in den besten Beispielen die dokumentarisch intendierte Genauigkeit der Beobachtung durch erzählerische Verdichtung und unaufdringliche optische Metaphorik auf die Ebene von Kunst erhoben wird." -Ich gebe zu mit mir ist heute nichts anzufangen- "Eine Erwachsenenwelt, die sich partout nicht zu erklären vermag, warum es, im schlimmsten Fall, zu einer Tat wie der des Erfurter Gymnasiasten Robert Steinhäuser kommen konnte, der im April 2002 an seiner Schule ein Blutbad anrichtete, findet in diesen Filmen manche Antwort." Wahrscheinlich ist der Film echt toll.
Harald Peters ( taz) versteht immerhin mein Problem: "Zwar ist das Kino mit Filmen über verstörte und entfremdete Jugendliche reich gesegnet, doch andererseits gibt es nur wenige, die so nah an ihrem Thema sind wie dieser. Der Regisseur beweist ein feines Gespür für die Details und Umstände, die das Dasein der Schülergruppe bestimmen(...) Dabei vertraut auch Winckler auf das beliebte Mittel der Handkamera, die Ronny hauptsächlich beim Gucken zuguckt oder das filmt, was Ronny beim Gucken sieht. Da nie etwas passiert, ist das in der Regel nicht viel. Wie das Wenige von Wincklers Laienspielriege ausgefüllt wird, ist weitaus mehr, als man erwarten durfte."
Gabriela Walde (Die Welt): "Wincklers Beziehungsdrama kommt rau und unpoliert daher, intensiviert noch dadurch, dass Winckler durch die Bank Laiendarsteller besetzt hat. Das Milieu im polnischen Badeort ist trist, und das spiegelt die innere Einsamkeit von Ronny umso mehr. Die Kamera ist in ihrer Führung genauso instabil wie die einzelne Charaktere der Figuren. Genau dies macht die Authentizität von Klassenfahrt aus. Das ist aber auch schon alles. Und wir atmen erleichtert auf: Wie gut, dass der Albtraum um Pickel, Piercing, & Petting vorbei ist!"
Daniela Sannwald beschreibt den Film in der Frankfurter Rundschau als "kleines, unauffälliges Meisterstück." Henner Winckler bringe "die ganze Zähigkeit und Langeweile des pubertären Daseins (...) so eindringlich" auf die Leinwand "dass man für Momente selbst in die Pubertät zurückversetzt wird."
Katja Nicomedemus von der Zeit imponierte die "ungeheurer Genauigkeit"; mit der Regisseur Winckler die "Resonanzen, kleinen Stimmungsverschiebungen und entscheidenden Pausen in den kargen Dialogen seiner Helden" aufzeige. Gerade "im Umgang mit der Sprache" sei der Film ein "Glücksfall".
Auch Hans Günther Pflaum bespricht den Film in der Süddeutschen Zeitung sehr freundlich. Ein Auszug: "Henner Winckler begeht nie den Fehler, für seinen mit Laien sehr authentisch besetzten Film Episoden oder wenigstens Fragmente nacherzählbarer Stories finden zu wollen, die nur Bewegungen und Veränderungen vortäuschen würden, die in Wirklichkeit indes nicht stattfinden. Sein Film ist weit mehr von der Haltung des Beobachtens als vom Gestus des Erzählens geprägt. Er vertraut dem Sichtbaren, aber auch dem, was im Sichtbaren nur zu spüren ist".
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