Filmkritik:
Wu Ji - Die Reiter der Winde
HK/Ch/USA 2005 Regie: Chen Kaige D: Hiroyuki Sanada, Jang Dong-Kun, Cecilia Cheung, Nicholas Tse, Liu Ye, Chen Hong, Cheng Qian, Quian Bo Filmwebsite
Märchenhafter Film, in dem ein Sklave mit übermenschlichen Fähigkeiten in der geborgten Rüstung eines Generals versehentlich den Kaiser tötet, aber eine schöne Prinzessin rettet und sich in sie verliebt.
"Kaige entfesselt ein grellbuntes Flirren und Funkeln aus rieselnden Blütenblättern, wehenden Seidentüchern, klirrenden Schwertern und fliegenden Chinesen", weiß Sebastian Handke (Welt am Sonntag) zu berichten: "Ein wildes Machwerk, das sich jeglichen Anflug inhaltlicher oder visueller Geschlossenheit absichtsvoll verkneift - denn Wu Ji ist nicht einfach ein weiteres Martial-Arts-Abenteuer, sondern der erste echte 'Wuxia'-Film, der seinen Weg in den Westen findet." "Wuxia"-Romane, klärt uns Handke auf, seien "tief in der chinesischen Volkskultur verwurzelte, pseudohistorische Ritter-Märchen mit einem hohen Anteil an phantastischen Elementen". Dieses "so hysterische wie prächtige Märchen" sei "ein faszinierender Film, an dem man allerdings nur seine Freude hat, wenn man bereit ist, sich dem exorbitanten Bilderrausch mit Augen und Ohren hinzugeben, ohne jemals das Gehirn einzuschalten".
Jörg Gerle (Filmdienst) hält den Film für eine "auf Fantasie getrimmte Materialschlacht". Jeder Einstellung, jedem neuen Tableau merke man "den unbedingten Willen an, das Publikum staunen zu lassen. Doch in all seiner Artistik wirkt der Film eindrucksvoll steif und in seiner grotesken Opulenz unfreiwillig komisch. (...) Was sich im Dekor des Films andeutet, findet in der Geschichte eine unselige Fortführung. Die Handlung ordnet sich bedingungslos dem Blendwerk unter." Eines hätten die Macher "bei aller Begeisterung fürs Spektakel offensichtlich vergessen: die Seele des ganzen".
Auf Matthias Heine von der Welt wirkte der Film wie "die gute alte Unendliche Geschichte ohne Flugdrachen". Die "80er-Jahre-Retro-Anmutung" werde noch verstärkt durch die "plumpen Spezialeffekte". Am Schluss seiner Besprechung wird Heine grundsätzlich: "Die Chinesen - so lautet die Diagnose - haben jetzt auch die amerikanische Krankheit: Genau wie in Hollywood versucht man im Reich der Mitte, das Rezept erfolgreicher Blockbuster bis zum Gehtnichtmehr zu kopieren. Und genau wie in Amerika fällt den Kopisten meist nicht mehr ein, als das Original mit noch mehr Stars, noch mehr Aufwand und einem noch größeren Budget zu übertrumpfen. Die Vorbilder von Wu Ji waren Hero und House of Flying Daggers. Es wäre ungerecht, wenn eine relativ flache Kopie nun deren Erfolg übertrumpfen könnte."
"So sieht also ein chinesischer Martial-Arts-Fantasy-Blockbuster aus: schrill, quietschbunt, spektakulär, von tiefer gehenden Gedanken unbehelligt", beginnt Alexandra Seitz (taz) ihre Besprechung und fährt fort: "Zum Einstieg gibt es eine furios gemeinte Massenkampfszene, deren grottenschlechte Animation schlimme Erinnerungen an urzeitliche Computerspiele wachruft." Seitz ist schwer enttäuscht von Chen Kaige: "Dass er nun mit Wu Ji weiter nichts als eine bedingungslos kommerzielle Ausstattungsorgie gedreht haben soll, fällt schwer zu glauben."
"Chen Kaige übertrumpft mit diesem bisher teuersten chinesischen Film aller Zeiten noch sein Monumentalwerk Der Kaiser und sein Attentäter", schreibt Marlie Feldvoß (epd Film) und meint das durchaus positiv. Sie hat in dem Film nämlich eine "verborgene Erzählebene" und einen "gewaltigen Überbau" ausgemacht, von denen man sich aber leicht durch die "kitschige Cartoon-Ästhetik der kolorierten Bilder" und die "märchenhaften Begebenheiten" ablenken lasse, "die überdies einen völlig neuen Chen Kaige vorführen, einen, der mit seinen hochtheatralisch aufgezäumten Zweikämpfen nun auch sein Coming-out als Martial-Arts-Regisseur feiert".
Auch Susan Vahabzadeh von der Süddeutschen Zeitung verteidigt den Film gegen Kritiker: "Es ist vielleicht diese besondere Form der Schwerelosigkeit, die dazu beigetragen hat, dass der Film in eine Reihe gestellt wurde mit Tiger & Dragon und Hero und für unwürdig befunden. Zum einen war er sehr teuer, was immer die Erwartungen schürt, aber er wirkt auch noch künstlicher, gemalter als seine Vorgänger, und er ist martialischer und brutaler. Chen Kaige aber will diesen Filmen gar keine Konkurrenz machen (...). Wu Ji - Die Reiter der Winde ist eigentlich nur nur ein opulenter Superheldenfilm, der in märchenhaften Welten der Vergangenheit spielt, so schön wie die ebenso artifizielle Eisstadt, die Batman zu schützen versucht."
Chen Kaige sei einem Trend hinterher gelaufen, "um einen Hit zu landen", stellt Justus Krüger von der NZZ fest. Sein Kampfkunst-Spektakel wirke "prätentiös und uninspiriert". Der Regisseur habe sich von der "Göttin der computergenerierten Bilder" verführen lassen: "Die überreichlich eingesetzten Digitaleffekte untergraben alles, was der Film an emotionaler Kraft zu bieten hat". Und noch vieles andere gehe schief: Die Kostüme überzeugten "trotz allem finanziellen Aufwand" nicht, die Sets "sehen aus wie Sets", und der "verworrene, spitzfindig konstruierte Plot" finde seinen Rhythmus nicht.
Zwei Stimmen zur Aufführung des Films auf der Berlinale 2006:
Daniel Haas von Spiegel Online gefiel der Film; das sei doch mal eine bildmächtige Filmfabel mit "tragischen Helden und großer Liebe, furiosen Kämpfen und einem tieftraurigen Ende".
Susanne Messmer ( taz) war eher physisch beeindruckt: "Es muss wohl ein schöner Film gewesen sein."
Die Welt hat sich mit Etchie Stroh, dem österreichischen Produzenten des Films unterhalten.
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