Filmkritik:
Sturz ins Leere
(Touching the Void) GB 2003 R: Kevin Macdonald D: Joe Simpson, Simon Yates, Brendan Mackey, Nicholas Aaron, Richard Hawking, Ollie Ryall Filmwebsite
Das Doku-Drama basiert auf dem Bergsteiger-Bestseller "Touching the Void" von Joe Simpson: zwei junge Bersteiger müssen in den Anden einen dramatischen Überlebenskampf führen. Der eine, Autor Joe Simpson, gerät in eine Gletscherspalte und wird von seinem Partner für tot gehalten.
Andrea Roedig von der taz stellt fest, der Film spiele "genüsslich (...) den Suspense aus: Wie, um Himmels willen, ist dieser Mensch aus dem Gletscher herausgekommen? Wie hat der Todgeweihte ohne Hilfe und mit nur einem intakten Bein zum Lager zurückkehren können?" Diese Spannung und der "Thrill der Fantasie vom Lebendig-Begraben-Sein" begleiteten den Film bis zum Schluss. Es sei "legitim, das Schicksal herauszufordern auf der Suche nach großen Gefühlen", aber "etwas mehr Reflexion "hätte dem Film" gut getan. So sei er "spannend, aber dennoch missraten". Am besten gefielen der Kritikerin die Interviewsequenzen, denn selten "sieht man männliche Protagonisten so eindringlich und präzise über Gefühle sprechen".
Für Freddy Langer von der FAZ ist Lakonie die "vorherrschende Stimmung des gesamten Films." Er meint, es brauchte einen Dokumentarfilmer, "um der Situation gerecht zu werden und den richtigen Ton zu treffen". Regisseur Kevin Macdonald interpretiere die Geschichte nicht, er stelle sie nach: "Ungerührt, wie ein Forscher durch sein Mikroskop Einzeller beim Zappeln in der Tinktur beobachten mag, hält Kevin Macdonald starr und in engem Ausschnitt die Kamera auf die Gesichter von Simpson und Yates".
Hans Messias vom Filmdienst schreibt, dies sei ein "beeindruckender Film", der jedoch "keine Spannung im eigentlichen Sinne aufbauen kann, da der Ausgang der Geschichte ja bekannt ist". Sturz ins Leere bewege sich in einem "wunderbar austarierten Spannungsfeld", das "gehobene Unterhaltungsansprüche ebenso befriedigt, wie es Einblicke in die Seele eines Menschen gewährt, der in einer extremen Grenzsituation über sich hinaus wuchs".
Rainer Rother von der Welt ist aufgefallen, dass man der Geschichte in Sturz ins Leere gebannter zuhöre, "als man ihr bei der Entwicklung zusieht". Das liege an der "Konstruktion als 'Doku-Drama' und macht sein Paradox aus: eine wahre Begebenheit von den Beteiligten erzählen zu lassen und sie zugleich in Bilder zu übertragen, das Zeugnis also mit der Inszenierung zu verbinden". Dennoch habe Macdonald wohl den "einzigen Weg gefunden, diese besondere, diese ergreifende Geschichte in Bilder zu setzen".
Sturz ins Leere sei ein "Glücksfall", meint Kai Müller vom Tagesspiegel. Vielleicht nach Werner Herzogs Schrei aus Stein (1991) der "erste gelungene Versuch, die Faszination der Höhe, die Langsamkeit der Fortbewegung und das Ausgesetztsein mit einer guten Geschichte zu verbinden". Der Film habe nichts "Heroisches". "Kühl und distanziert" schildere er, "wie sich einer wieder ins Leben" zurückschleppe. Aber "das Unbehagen an dem moralischen Dilemma" bliebe merkwürdig stumpf.
Die Welt hat mit Regisseur Kevin Macdonald gesprochen.
Infos zu diesem Titel
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 5.1)
• Untertitel: Deutsch
• Bildformat: 16:9, 1.85:1
• Dolby, Surround Sound, PAL
• Laufzeit: 102 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 16. November 2004
• Produktion: 2003
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