Filmkritik:
Am Tag als Bobby Ewing starb
D 2005 R: Lars Jessen D: Peter Lohmeyer, Gabriela Maria Schmeide, Franz Dinda, Nina Petri, Richy Müller, Luise Helm, Eva Kryll, Peter Heinrich Brix, Jens Münchow, Falk Rockstroh, Rocko Schamoni Filmwebsite
Hanne und ihr 17jähriger Sohn Niels ziehen im Frühjahr 1986 in eine kleine norddeutsche Landkommune, die standhaft und friedlich gegen das AKW Brokdorf protestiert. Aus der Perspektive seines Alter egos Niels erzählt Regisseur und Autor Lars Jessen von politischer und privater Sinnsuche im spätalternativen Milieu in den Zeiten von "Dallas" und "Tschernobyl".
Horst Peter Koll ( Filmdienst) hat die "Mischung aus komischem Provinzporträt und Coming-of-Age-Komödie" gefallen. "Liebevoll und detailgenau, pointiert und sehr amüsant" rekonstruiere Lars Jessen die Zeit der Alternativbewegung der späten 1980er Jahre. "Geradezu köstlich" sei zu verfolgen, wie Peter Lohmeyer, Nina Petri oder Richy Müller "auf dem schmalen Grat zwischen präziser Rekonstruktion und aufmüpfiger Parodie eine kaum 20 Jahre zurückliegende 'Epoche' aufleben lassen und sie an liebenswerten, teils versponnen-skurrilen, teils desillusioniert-herben Charakteren verdeutlichen"; "nicht minder eindrucksvoll" spiele Gabriela Maria Schmeide die zwischen den Extremen pendelnde 'Bürgerliche' Hanne. In seiner Aussage bleibe der Film "eher diffus": "Prinzipiell müsste man politisch wohl andere, zumindest analytischere Schlussfolgerungen aus der Auseinandersetzung mit jener Zeit ziehen als es Jessen tut", der, wie Koll zu berichten weiß, "als Kind selbst 'Opfer' eines Wohnkollektivs wurde".
Harald Peters ( WamS) hat der Film zu der Erkenntnis geführt, dass Joschka Fischer der J.R. Ewing der Grünen ist. Zu solchen "reizvollen Gedankenspielen" und Analogiebildungen zwischen der Fernsehserie "Dallas" und den Grünen rege Am Tag als Bobby Ewing starb an. Schade sei nur, dass "sich der Film seiner politischen Tragweite nicht vollends bewußt wird, und sich letztlich in dramaturgischen Winkelzügen zwischen den Deichen verzettelt."
Harald Schumann vom Tagesspiegel fallen zu dem Film, dessen genauen Titel er nicht zu kennen scheint, zunächst ein paar nette Adjektive ein, bevor er ihn verreißt: "Überzeugend einfühlsam", "umwerfend komisch", "schön ironisch, amüsant – und doch misslungen". Denn das Motiv der Akteure für ihr merkwürdiges Treiben bleibe im Dunkeln. Jessen habe nicht verstanden, wie "um Himmels willen diese Themen die Leidenschaft von Millionen entfachen konnten". Anders sei kaum zu erklären, "dass der Streit um die Atomkraft und der massenhafte Bruch mit dem eisernen Fortschrittsglauben der Moderne hier nur als Marotte einer 'seltsamen Generation' erscheint, wie der Regisseur selbst schreibt". Insofern sei "sein jüngst mit dem Max- Ophüls-Preis gekürter Film gewiss ein gelungenes Stück Unterhaltung für grüne Nostalgiker". Aber er enthülle unfreiwillig auch "die gescheiterte Politisierung des Autors".
Dietrich Kuhlbrodt ( taz) entdeckt zwar so einiges, um an dem Film "herumzumäkeln", hält ihn dann aber doch in seiner Erzählperspektive für "unangreifbar". Besonders gefallen hat ihm die Leistung der Ausstatterin Heike Lauer-Schnurr ("das wunderschöne Szenenbild: ein Heimatmuseum") und des Kameramanns Andreas Höfer, dem wir laut Kuhlbrodt mit der "Erfindung der Flachlandtotale" eine "ästhetische Innovation" verdanken, "die über einen TV-Spielfilm weit hinausweist".
Keine "vernichtende Generalabrechnung mit den Alt-Linken", sondern "so etwas wie eine generationenübergreifende Retrospektive" sei der Film, so Peter Zander in der Welt. Er glänze "durch die Abstinenz jeglicher Sentimentalität oder Ironie". Im Übrigen sei der Film "in die große Kategorie Ausstattungsfilm einzuordnen: ein Kostümfilm, bei dem einmal keine Pompadour-Perücken und keine Wagenrad-Reifröcke getragen werden, sondern eben Latzhosen, selbstgestrickte Schlabberpullis und völlig indiskutable Frisuren. Und wären da nicht Peter Lohmeyer, Richy Müller oder Nina Petri in den Nebenrollen, man glaubte wirklich einen Film aus den Achtzigern zu sehen."
Rudolf Worschech von epd Film war zunächst skeptisch: "Kann das gut gehen? Schon einmal, in Sie haben Knut, ist der Versuch eines deutschen Films, diese Ära einzufangen, in Sprechblasen und der Verulkung der Rhetorik jener Jahre stecken geblieben." Ja, es kann, meint Worschech. Jessen sei ein "einfühlsamer und authentischer Film über den Alltag auf dem Lande" gelungen, weil er "bei allem Schmunzeln über Pazifismus und fleischlose Ernährung eine tiefe Sympathie für seine Figuren" zeige. Der Film sei eine "beeindruckende Zeitreise in die achtziger Jahre" mit einem "hervorragenden Darstellerensemble".
Christian Buß vom Spiegel meint, Am Tag als Bobby Ewing starb sei "keine Abrechnung mit den politischen Zielen der Anti-AKW-Generation geworden, dafür aber eine kritisch-humorige Bilanz ihrer sozialen Irrtümer". Dennoch habe der Film eine "gewisse politische Brisanz", handele es sich doch um das "Porträt einer Generation, deren Verfehlungen bis ins Hier und Jetzt wirken". Jessen gehe ein bisschen weiter als die "ganze Flut von Filmen" über die 80er Jahre und mache "nachvollziehbar, wie der versiegende Aktionismus der Elterngeneration den aufkeimenden Hedonismus ihrer Kinder bedingte". Auch Buß vergleicht den Film mit Sie haben Knut: "Der Unterschied: Während in Sie haben Knut en detail die psychosozialen Dynamiken des Jahrzehnts nachgezeichnet werden, kippt Am Tag, als Bobby Ewing starb schon mal ins Zotige." Doch auch wenn die Satire "streckenweise als Müsli-Maskerade" daherkomme, unterwerfe Jessen sie "nicht völlig dem Zwang zur Pointe". Buß lässt in seiner Besprechung auch den Regisseur zu Wort kommen.
Volker Mazassek von der Frankfurter Rundschau bespricht Am Tag, als Bobby Ewing starb zusammen mit Playa del Futuro, dem anderen Film, in dem Peter Lohmeyer derzeit zu sehen ist. Lars Jessen tauche "in seinem Debüt tief ein in die protestbewegten achtziger Jahre". Er lasse "den Blick weit schweifen. Schrei-Therapie und Gewalt-Diskussion, erste Liebe und Generationenkonflikt, alternative Energien und Grünkernbratling - vieles kommt vor und manches deshalb zu kurz. Jessen verzettelt sich ein bisschen mit den vielen Themen, die er an-, aber nicht immer angemessen ausspielt. So wird aber eine eindimensionale Rückschau vermieden."
Matthias Stolz von der Zeit war bei einer Voraufführung des Films auf dem Landesparteitag der Grünen in Schleswig-Holstein dabei. Unter der Überschrift "Grüner wird's nicht" schreibt er recht amüsant über die unterschiedlichen Reaktionen der verschiedenen Funktionärs-Generationen auf den Film.
Die taz sprach mit Peter Lohmeyer und Lars Jessen.
Infos zu diesem Titel
• Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
• Bildformat: 16:9, 16:9
• Dolby, Surround Sound, PAL
• Laufzeit: 91 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 16. Januar 2006
• Produktion: 2005
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