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Aktualisiert am 24.02.2009

Berlinale 2009 - Tagebuch

Welche Filme haben wir gesehen?

Berlinale 2009 Plakat

Deutschland 09, 13 kurze Filme zur Lage der Nation
R: Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Martin Gressmann, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner
Deutschland 2009, 151 Min.
Wettbewerb (außer Konkurrenz)

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass themenbezogene Kompilationsfilme mindestens so überflüssig sind wie Eiswürfel in Bier, liefert ihn Deutschland ‚09 - 13 Filme zur Lage der Nation. Filmische Bestandsaufnahmen eines Landes wie diese von Tom Tykwer initiierte müssen sich an ihrem ambitionierten Anspruch messen lassen. Das Ganze soll mehr als die Summe seiner Teile sein, das Gegenteil aber ist hier der Fall - die guten werden abgewertet durch die Hegemonie der faden und den bitteren Geschmack, den die miserablen hinterlassen.

Den Auftakt macht Angela Schanelec mit ihrem rätselhaft-poetischen, sehr kurzen Film „Erster Tag“, dessen Bedeutung sich zwar nicht unmittelbar erschließt, der aber nachhallt und neugierig macht auf das Kommende. Fatih Akins „Der Name Murat Kurnaz“ ist der erste Beitrag mit unmittelbar politischem Bezug. Akin hat ein Zeitungsinterview mit dem Guantanamo-Häftling adaptiert, das, auch wenn es nicht verfilmt worden wäre, in späteren Jahren hilfreich sein dürfte, wenn man etwas über die ethischen Maßstäbe des gegenwärtigen politisch-diplomatischen System in Erfahrung bringen möchte.
Isabell Stevers Dokumentation zeigt, wie in diesem Land schon Viertklässler an demokratische Spielregeln herangeführt werden. Mit rechtschaffen-kritischer Haltung demonstriert Hans Weingärtner in seinem auf einem wahren Fall beruhenden, schauspielerisch mäßigen Beitrag „Gefährder“, dass die Datensammelobsession des politischen Apparates die demokratischen Freiheiten aushöhlt. Nicolette Krebitz verquastes Filmchen dreht sich irgendwie um die gesellschaftlichen Utopien unserer Jugend: Eine Abgesandte derselben lässt Tote auferstehen und Susan Sontag mit Ulrike Meinhof zusammentreffen; beide sondern kluge Dinge ab und werden schließlich – erfolglos – zum Identitätentausch aufgefordert. Auch bei Christoph Hochhäuslers „Séance“ fragt man sich, was das eigentlich soll. Sein prätentiöser Science-Fiction reflektiert vermeintlich tiefsinnig über den Begriff „Deutschland“ und ist wie im Fluge vergessen.
Sylke Enders Beobachtung von Kinderarmut wirkt länger nach, weil er schwer miteinander vereinbare Lebenswelten kollidieren lässt und in aller Kürze authentische Charaktere entwickelt, über die man gerne mehr erführe. Bei Romuald Karmarkar plaudert ein skurriler Rotlichtbarbesitzer über die abstoßenden sexuellen Vorlieben seiner Gäste und die wirtschaftliche Krise im Milieu. Das ist zwar amüsant, man kann sich aber des Einrucks nicht erwehren, dass hier jemand zum Ergötzen des Publikums vorgeführt wird.

Drei Beiträge versuchen sich im hierzulande heiklen humoristischen Fach. Am besten gelingt das Hans Steinbichler mit seiner Groteske „Fraktur“ über einen von Josef Bierbichler verkörperten Geschäftsmann, der mit dem neuen Layout seiner Leib-und-Magen-Zeitung F.A.Z. nicht fertig wird und zu extremen Methoden greift. „Wer die Fraktur nicht lesen kann, der kann das deutsche Wesen an sich nicht lesen“, weiß der Macher. Dass diese famos gespielte und inszenierte Satire ein quicklebendiges Milieu aufs Korn nimmt, macht ein Blick in die Leserbriefseiten der „Zeitung für Deutschland“ klar. Dani Levys verspieltes Märchen „Joshua“ punktet zwar mit einigen witzigen Dialogen und Anflügen von Charme, holt aber zu vorhersehbar die Moralkeule raus und versickert in gequälter Lustigkeit. Den absoluten Tiefpunkt der Kompilation hat Wolfgang Becker mit seinem aufwändigen Beitrag „Krankes Haus“ fabriziert. Die Metaphorik ist so hausbacken, das Niveau der Witze über den „Patient Deutschland“ so erbärmlich, dass kein Provinzkabarett diesen Stoff annähme. Die Kalauerei will einfach kein Ende nehmen, Fremdschämen wächst sich zur gesundheitsgefährdenden Disziplin aus. Einen treffenderen Kommentar zur Lage im „Humorstandort Deutschland“ hätte Becker sogar dann nicht abgeben können, wenn er es gewollt hätte.

Die überzeugendsten Filme (neben dem von Steinbichler) stammen von Dominik Grafund Tom Tykwer. Tykwers im Werbefilmstil gehaltene Impression vom Arbeitsalltags eines globalaktiven Manager ist auf der Höhe der Zeit, temporeich, effizient und einleuchtend inszeniert; auf dezente Weise fördert er dabei zu Tage, dass unter der glatten Oberfläche dieser Welt immer noch eine andere vegetiert. Grafs auf Super-8-Aufnahmen beruhender Essay „Der Weg, den wir nicht zusammen gehen“ reflektiert melancholisch über den Zustand unsere Städte, genauer darüber, worin die Würde der architektonische Hässlichkeiten besteht und was ungenutzte Brachen und bauliche Hinterlassenschaften abseits der herausgeputzten Areal über Vergangenheit und Gegenwart dieses Landes erzählen könnten, wenn man ihnen eine Stimme gäbe.

Das hat Dominik Graf getan, und sein Film lässt erahnen, was aus dieser Kompilation vielleicht geworden wäre, wenn mehr Regisseure den Mut und die Kreativität aufgebracht hätten, breitgetretende Pfade zu verlassen. Zu viele Beiträge wagen zu wenig, sie üben redlich Kritik, sind aber weder anregend noch herausfordernd. Diese filmische Spiegelung seines Objektes ist überwiegend vorsichtig, berechenbar und harmlos. Über das Land sagt das, wen wundert’s, noch lange nichts aus. gd

Sweetgrass
R: Lucien Castaing-Taylor, Ilisa Barbash
USA 2009, 115 Min.
Forum Presse
Sweetgrass hat alles, was ein großer Western braucht: grandiose Landschaften, kernige Cowboysprüche und spektakuläre Massenszenen. Die werden von Tausenden von Schafen bestritten, denn die Anthropologen und Filmemacher Lucien Castaing-Taylor und Ilisa Barbash haben drei Sommer lang beobachtet, wie Schafzüchter ihre Herden in die Berge Montanas treiben und dort weiden lassen. Ohne jeglichen Kommentar zeigen sie auch, wie die Schafe geboren, geschoren und gebrandet werden. Rau ist der Umgang des Menschen mit dem Tier, unbarmherzig die Natur in ihrer wilden Pracht. Die Bilder des nüchternen Films sind unvergesslich, auch wenn sie auf großer Leinwand darunter leiden, dass sie mit Videokameras aufgenommen wurden. gd

Hashmatsa/Defamation
R: Yoav Shamir
Israel, Österreich, USA, Dänemark 2009, 93 Min.
Forum
Welche Rolle spielt der Antisemitismus heute? Wem nützt, wem schadet er? Wird er instrumentalisiert? Diesen Fragen geht der israelische Filmemacher Yoav Shamir auf sehr persönliche Art in seiner Recherche nach, die mit ihrem auf Einmischung und Provokation setzenden Stil den Filmen Marcel Ophüls’ verwandt ist, in der auf Unterhaltsamkeit abzielenden Machart denen Michael Moores. Defamation begleitet ein Gruppe israelischer Schüler beim Besuch polnischer KZ-Gedenkstätten und beobachtet, wie die Jugendlichen, darauf getrimmt, überall gehasst zu werden, auch dort Antisemitismus wittern, wo er nicht existiert. In New York nimmt er die Arbeit der Anti-Defamation-League unter die Lupe, die antisemitische Vorfälle auf der ganzen Welt auflistet. Beim Nachprüfen einzelner Fälle bleibt von den vermeintlichen Vorwürfen nichts übrig. Ist der Antisemitismus heute gar nur eine Erfindung der Juden? Yoav Shamir lässt Lobbyisten, Wissenschaftler, Geistliche und Politiker zu Wort kommen, die alle, ob Linke oder Rechte, von Leidenschaft, Kalkül, und persönlicher Betroffenheit gleichermaßen angetrieben sind. Ebenso wie in Flipping Out von 2007 über junge Soldaten und Soldatinnen der israelischen Armee, die sich nach ihrem Militärdienst für einige Zeit nach Nordindien absetzen, betätigt sich Shamir als Erforscher des heutigen israelischen Selbstverständnisses. Scheint sich Shamir am Anfang noch über die Akteure lustig machen zu wollen, gelangt er im Verlauf des Films zu einer kritisch-differenzierteren Sichtweise. Paranoia und die Neigung zu Verschwörungstheorien entdeckt er bei der Linken und der Rechten gleichermaßen. Israelis und die im Ausland lebenden Juden zeigt der Film als in der Antisemitismus-Frage zutiefst gespaltene „Gemeinschaft“, und schon diese Erkenntnis entzieht all den Verschwörungstheoretikern die Argumentationsbasis, die so gerne glauben wollen, dass es eine die Weltpolitik beeinflussende konzertierte Aktion des Staates Israel und „der Juden“ gäbe. gd

The Exploding Girl
R: Bradley Rust Gray
USA 2009, 79 Min.
Forum
Die Collegestudentin Ivy verbringt die Semesterferien bei Ihrer Mutter in New York. Ihr alter Schulfreund und Studienkollege Al bewohnt ein Zimmer bei den beiden. Sie gehen auf Partys, spielen Karten, streifen durch die Stadt. Sie sind nur gute Freunde.
Bradley Rust Grays Film über das alte Thema, wie aus Freundschaft Liebe wird, ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Er hat keine wirkliche Geschichte und kennt keinen maßgeblichen Konflikt; er ist konsequent als Zwei-Personen-Stück inszeniert, tragende Nebenrollen fehlen, die anderen Akteuren haben kein Gesicht oder sind nur Stimmen, die über die notorisch genutzten Mobiltelefone zu hören sind; Zoe Kazan und Mark Rendall sind herausragende Darsteller und vermögen ihre Dialogzeilen so zu sprechen, als seien sie ihnen soeben eingefallen. Seltsamerweise ist das spannend zu beobachten, obwohl der Zuschauer früh begreift, dass sich da zwei längst gefunden haben, es nur selbst noch nicht wissen. gd

Beeswax
R: Andrew Bujalski
USA 2009, 100 Min.
Forum
Ähnlich wie in The Exploding Girl schaut man in Beeswax dem alltäglichen Leben junger Leuten dabei zu, wie es geschieht. Am Ende ist man verblüfft, wie spannend und interessant das gewesen ist, obwohl Andrew Burjalski auf dramatische Zuspitzungen oder kalkulierte Gags verzichtet. Trotzdem lebt sein Film von Spannung und Humor, vor allem aber von der Lebhaftigkeit der Laiendarsteller. Beeswax erreicht mit scheinbar einfachen Mitteln ein Maß an Authentizität, das die Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm verwischt. gd

Seishin/Mental
R: Soda Kazuhiro
Japan, 2008, 135 min
Forum
Dr. Masatomo ist der Gründer und Leiter der „Chorale Okayama“, einer ambulanten Station für psychisch Kranke. Mit müden Äuglein blinzelt er seine Patienten an und gibt ihnen, kurz angebunden, Binsenweisheiten mit auf den schweren Weg. Im Verlauf von Soda Kazuhiro gemächlicher Studie Seishin/Mental wird deutlich, wie wirkungsvoll Dr. Masamotos Beratungen und das ganze Projekt sind. Sein progressiver Ansatz gibt den Patienten die Chance, einen Weg zurück ins Leben zu finden und die „Mauer, die die Gesunden um die Kranken ziehen“, zu durchbrechen. Soda Kazuhiro hat vor zwei Jahren im Forum mit Campaign ein belustigendes, anrührendes Porträt eines jungen Kommunalwahlkämpfers gezeigt, das den europäischen Zuschauer auch durch diesen Schuss irrer japanischer Exotik erfreute. Mental ist, kaum verwunderlich angesichts seines Themas, weniger lustig. Der humanistische Ansatz, den die Krankenstation verfolgt, die Bereitschaft, den einzelnen Menschen und sein individuelles Schicksal zu verstehen, ist vielleicht für die gemeinschaftlich orientierte japanische Gesellschaft eine größere Herausforderung als für unsere. gd

L'encerclement | Encirclement
R: Richard Brouillette
Kanada 2008, 160 Min.
Forum
The Shock Doctrine
R: Michael Winterbottom, Mat Whitecross
Großbritannien 2009, 90 Min.
Panorama
Die Ideologie des Neoliberalismus wird zur Zeit von allen Seiten unter Feuer genommen, und auch mehrere Filme des Berlinale-Programms widmen sich dieser bestgehasste Weltanschauung der Stunde. L’encerclement von Richard Brouillette tut das mit der Haltung einer strengen, erbarmungslosen Lehrkraft, die, Spaß beiseite, den Schülern den Stoff über zweieinhalb Stunden einbimst, ohne Pause, bitteschön. Unter Verzicht auf jegliches schmückende Beiwerk zieht eine Parade von Talking Heads kanadischer und US-amerikanischer Herkunft vorüber, die Ursprung, Ziel und Wirkung der Lehre vom Segen des unkontrollierten freien Marktes erklärt. Keinerlei Nachfragen stören den Redefluss der Experten, die einzelnen Interviewpassagen sind von ungewohnter Länge. Das Konzept ist so spröde, dass es, ähnlich wie bei Romuald Karmakars „Hamburger Lektionen“, fast schon unfilmisch ist. Die stilistisch zur Schau getragene Seriosität könnte allerdings auch eine ganz besonders clevere Form der Manipulation sein. Stutzig macht jedenfalls, dass Anhängern des neoliberalen Denkens nur am Anfang das Wort erteilt wird, sie im zweiten Teil dann aber nahezu verstummen.
Auch Michael Winterbottom berichtet in The Shock Doctrine über die katastrophalen Folgen, die dem Primat der unregulierten Ökonomie geschuldet sind. Angelehnt an Naomi Kleins gleichnamiges Buch breitet er einen suggestiven Bilderreigen aus, der vom Chile der frühen 70er Jahre bis zum jüngsten Irakkrieg reicht. Auch Winterbottom will nicht wissen von der „schöpferischen Kraft der Zerstörung“, die Joseph A. Schumpeter dem Kapital zuschrieb, sondern berichtet von der zerstörerischen Kraft der Schöpfung Milton Friedmans, dem Protagonisten des Neoliberalismus. Dessen Think Tank lieferte dem politisch-militärisch-industriellen Komplex der westlichen Länder die nobelpreisgeadelten Ideen. Der radikale Wirtschaftsliberalismus ist laut Winterbottom/Klein nicht anderes als die interessenkompatible Ideologie, mit der die Industrienationen neokolonialistisch agieren können. Beide Filme vermitteln die gleiche Botschaft und wecken, aus ganz unterschiedlichen Gründen, das gleiche Bedürfnis: Bücher zum Thema zu lesen. gd

Pink
R: Rudolf Thome
Deutschland 2009, 82 Min.
Special
Rudolf Thome hat sich ein Märchen ausgedacht: Pink ist erfolgreiche Verfasserin banaler Gedichte und liebt drei Männer, zwei smarte Berlin-Mitte-Typen und einen Softie vom Lande. Gott sagt ihr, sie solle zukünftig monogam leben, also rechnet sie aus, wer, alle relevanten Eigenschaften gewichtet, der Beste ist und heiratet ihn. Aber er lässt sie immer allein, also lässt sie sich scheiden. Und heiratet den Zweitbesten. Aber der vergnügt sich mit Prostituierten, also lässt sie sich scheiden. Bleibt Nr. 3, das Weichei aus Brandenburg. Im Publikum wurde an dieser Stelle die Hoffnung geäußert, sie werde den Nervtöter erschießen (denn Pink ist tough und hat eine Knarre), aber so funktionieren Märchen nun mal leider nicht. Was wir vorgeführt bekommen, ist aber gar nicht märchenhaft, sondern banal und langweilig. Hannah Herzsprung fungiert als Trägerin von Sachen in der Farbe pink und kann den Film auch nicht retten. ak

Die koreanische Hochzeitstruhe
R: Ulrike Ottinger
Deutschland 2009, 82 Min.
Forum
In (Süd-)Korea haben sich traditionelle Hochzeitsbräuche bis in die Gegenwart erhalten und gehen mit westlichen Gepflogenheiten der Eheschließung eine eigentümliche Verbindung ein. Ottinger führt das kommentarlos vor, lässt lediglich einige ihrer Protagonisten ein paar Erläuterungen geben. Der vorherrschende Eindruck ist der von vorgegebenen Arrangements, in die sich die jungen Paare einpassen müssen. Die tradierten Rituale strahlen dabei, wie fremd und anachronistisch sie selbst den beteiligten Eheleuten auch erscheinen mögen, mehr Würde aus als die moderne Hochzeitsmaschinerie samt Beauty-Salon und Coladosen beim Festmahl. Der Erkenntnisgewinn der Dokumentation ist jedoch gering, über die Lebenswirklichkeit von Ehepaaren in Süd-Korea erfährt der Zuschauer nichts. ak

Kan door huid heen | Can Go Through Skin
R: Esther Rots
Niederlande 2009, 97 Min.
Forum
In Kan door huid heen findet Esther Rots eindringliche Bilder (und Töne!) für die tragische Geschichte einer jungen Frau, die nach einer Vergewaltigung langsam mit ihrem Trauma umzugehen lernt. Nachdem sie sich in ihrem ländlichen Refugium zunächst abkapselt, nur mit Tieren und in Chatrooms für Vergewaltigungsopfer kommuniziert, geht sie später eine Beziehung mit einem Nachbarn ein und wird schwanger. Mit diesem hoffnungsfrohen Szenario wollte die Regisseurin die Zuschauer aber nicht entlassen und fegt es mittels eines Selbstjustiz-Plots beiseite, der - trotz mühevoller Vorbereitung - das Gleichgewicht des Films beeinträchtigt. gd

Man tänker sitt | Burrowing
R: Fredrik Wenzel, Henrik Hellström
Schweden 2009, 76. Min.
Forum
Eine musterhafte Einfamilienhaussiedlung ist in Man tänker sitt von Fredrik Wenzel und Henrik Hellström Schauplatz von verstörenden Akten der Destruktion, Subversion und Verzweiflung. Ein kleiner Junge, aus dessen Perspektive der Film erzählt, und ein von seiner Familie verstoßener junger Mann mit seinem Baby ertragen die Idylle dieser Wohnvollzugsanstalt nicht. Immer wieder zieht es sie in den Wald, der die Siedlung umschließt, zu seinen Bächen und Flüssen. Ziellos und stumm wühlen sie sich durch das Dickicht, getrieben von unbekannten Kräften. Der Einfallsreichtum der Regisseure beim Finden von erbarmungslos traurigen Bildern ist erstaunlich. Sie schaffen es, eine Szene, in der ein Vater sein Kind im See badet, zum Gleichnis der Hoffnungslosigkeit zu machen. gd

H:r Landshövding | Mr Governor
R: Måns Månsson
Schweden 2008, 81 Min.
Forum
Das uralte Amt des Gouverneurs der Uppsala, welches der ehemalige schwedische Verteidigungsminister Anders Björck heute ausübt, erschöpft sich überwiegend in repräsentativen Pflichten. Politik besteht hier in einer gemächlich abzuhandelnden Abfolge zeremonieller Aufgaben, sie ist ihres hässlichen, aufregenden Kerns beraubt. Der feierliche Ernst, mit dem Anders Björck die ihm zugedachte Rolle ausfüllt, ist auf schwedische Art unprätentiös. In seinem Büro scheint die Zeit stehen geblieben, Termine werden in Notizbücher gekritzelt, moderne Kommunikationstechnik hat keinen Platz. Mansson hat in seinem Cinéma-vérité-Film die Szenen unter den Schneidetisch fallen lassen, die ansatzweise spektakulär hätten wirken können, zum Beispiel ein Zusammentreffen Björcks mit dem japanischen Kaiserpaar. Stattdessen fängt er rührend komische Momente ein, mit denen er den schmalen Grad markiert, der zwischen Feierlichkeit und Lächerlichkeit liegt. Anders Björck ist die Idealbesetzung eines Zeremonienmeisters in dieser Inszenierung von Harmonie und diplomatischer Langeweile. Die körnigen Bilder des auf 16mm in Schwarzweiß gedrehten Films und die starre Kamera verleihen den an sich belanglosen zeremoniellen Akten eine Anmutung von Bedeutsamkeit, die natürlich unangemessen ist. Das kann geschmäcklerisch und manieriert finden, wer die Ironie, die dahinter liegt, nicht sehen will. gd

Letters to the President
R: Petr Lom
Kanada, Iran 2009, 74 Min.
Forum

Letters to the President ist viel mehrals eine schulmäßig aufgezogene Demaskierung des iranischen Präsidenten Ahmadineschad. Der Film wirft einen Blick vor und hinter die Kulissen der iranischen Gesellschaft und veranschaulicht die Zerrissenheit des Landes. Im ersten Teil wird gezeigt, wo, wie und warum der aus den Reihen der „Revolutionswächter“ rekrutierte Nationalist seine Anhänger findet. Es sind fast ausschließlich die armen, ungebildeten Bewohner der ländlichen Gebiete, die dem Präsidenten Briefe schicken, auf dass er ihnen helfe. Ungefähr neun Millionen solcher Schreiben gehen jährlich im Büro Ahmadineschads ein, 75% davon werden angeblich beantwortet. Der betont bescheiden auftretende Heilsbringer, dessen Lieblingssatz „Ich bin euer Diener“ lautet, wird bei Reisen über die Dörfer begleitet, wo er Briefe einsammelt, Ansprachen hält und in Gesprächen mit den frommen Menschen, die besonders unter der wirtschaftlichen Krise Irans leiden, wirbt, beschwichtigt und tröstet. Die Phrasen, die Ahmadineschads dabei gebraucht, unterscheiden sich kaum von denjenigen, die westliche Politiker bei ähnlichen Anlässen von sich geben - wenn man die religiöse Unterfütterung und den Märtyrerkult außen vor lässt. Wenn gar nichts mehr geht, stimmt der Diener des Volkes einen Schlachtruf an, der die Größe des Irans und sein Recht auf Atomwaffen preist, und alle stimmen ein.

Wie gering die Akzeptanz des fundamentalistischen Politikers unter der städtischen Bevölkerung ist, will der zweite Teil des Film vorführen. Manche der Befragten schweigen vielsagend vor der westliche Kamera, aber zahlreiche Menschen äußern unverblümt ihren Unmut über das Regime. Sie beklagen die fehlende Meinungsfreiheit, die Schikanen der Sittenpolizei, die fatale Wirtschaftslage, und sie spotten über den Doktortitel ihres Präsidenten. Die letzen Einstellungen zeigen Ahmadineschad bei einer Großveranstaltung mit dem Ajatollah Chamenei, dem mächtigsten Mann des Staates. gd

Filmmakers Against Racism
Affectionately Known as Alex u.a.
96 Min.
Forum
D'Arusha à Arusha
R: Christophe Gargot
Frankreich, Kanada, Ruanda 2008, 114 Min.
Forum

Das afrikanische Kino war bei der diesjährigen Berlinale unterrepräsentiert. Zwei Dokumentarfilme im Forum thematisieren Formen exzessiver Gewalt, ihre Entstehung und Aufarbeitung.

Im Mai 2008 gründete eine Gruppe südafrikanischer Filmschaffender die Initiative Filmmakers Against Racism (FAR), um Filme gegen Fremdenhass zu produzieren. Die vier auf der Berlinale gezeigten Kurzfilme beleuchten die rassistisch motivierten Massaker, die 2008 in Südafrika an Einwandern verübt wurden und 62 Todesopfer forderten. In Affectionately Known as Alex zeichnet Danny Turken die Entstehung der ersten Pogrome in Alexandra bei Johannesburg nach, wo die landesweite Welle der Gewalt ihren Ausgang nahm. Der unkontrollierte Einwandererstrom traf auf eine ansässige Bevölkerung, die bereits unter miserablen Infrastruktur und Wohnungsknappheit litt. Angels on our Shoulders von Andy Spitz stellt ein Schulprojekt vor, in dem Lehrer, die selbst Flüchtlinge sind, Kinder aus Einwandererfamilien in einem ausrangierten Doppeldeckerbus unterrichten; die Lehrer sind der Überzeugung, dass mangelnde Bildung zu den Massakern geführt hat. Baraka heißen die von Somalis betriebenen Lebensmittelläden in einer ärmlichen Siedlung nahe Kapstadt. Die geschäftstüchtigen Männer werden ob ihres wirtschaftlichem Erfolg angefeindet, verprügelt und immer wieder überfallen. Eine Gruppe von Anwohnern versucht, die Somalis zu schützen und zu integrieren. The Burning Man von Adze Ugah schließlich zeichnet das Leben von Ernesto Alfabeto Nhamuave nach. Der Mosambikaner wurde von einem wütenden Mob verbrannt, das Foto seines brennenden Körpers ging um die Welt.
Christophe Gargot schildert in D'Arusha à Arusha die mühevolle Arbeit des in Tansania angesiedelten internationalen Gerichtes für die Hauptschuldigen des Völkermords von Ruanda. Gleichzeitig zeigt er die Arbeit der Volksgerichte, den sogenannten Gacacas, die Urteile über 130.000 Gefangene zu fällen haben, die nach dem Genozid im Jahr 1994 verhaftet wurden.

Beide Filmen erlauben einen ideologiefreien Blick hinter die Kulissen zweier afrikanischer Länder, der von den westlichen Medien kaum gewährt wird. Ähnlich wie die Filme der „Filmmakers Against Racism“ vermittelt D'Arusha à Arusha ein zwiespältiges Bild. Politisches Versagen und wirtschaftliche Not bilden nah wie vor den Nährboden für ethnisch motivierte Massaker, gleichzeitig aber entwickelt sich eine Zivilgesellschaft, die die Fehler der Politik zu korrigieren versucht. gd

Von wegen
R: Uli M Schueppel
Deutschland 2009, 90 Min.
Panorama Dokumente
Die wundersame Welt der Waschkraft
R: Hans-Christian Schmid, 93 Min.
Deutschland 2009
Forum
Schueppels Film über den legendären Auftritt der "Einstürzenden Neubauten" in Ost-Berlin Ende 1989 liefert einig interessante Einblicke in die damalige progressive Jugendkultur und die kuriose Situation, die die gerade noch geteilte Stadt durchlebte, ist aber viel zu lang. Filmmaterial von der problematischen Anreise und dem Konzert selbst gibt es wenig, das Füllmaterial – Interviews mit damaligen Konzertbesuchern – ist langatmig aufbeereitet und ermüdet durch sich wiederholende Aussagen. Ein weiterer deutscher Dokumentarfilm hat enttäuscht: Hans-Christian Schmids „Diewundersame Welt der Waschkraft“ hat so gar nicht Wundersames. Dass zwischen Deutschland und Polen nach wie vor ein Wohlstandgefälle besteht, dass viele Polen ihr Land aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen, manche aber doch bleiben, weil sie zum Beispiel in einer von einem Deutschen betriebenen Großwäscherei Arbeit finden oder erst mal eine Ausbildung als Kosmetikerin machen wollen, nun ja, das hatte man sich schon fast gedacht. gd