Filmkritik:
Lady Chatterley
F/B 2006 R: Pascale Ferran D: Marina Hands, Jean-Louis Coulloc'h, Hippolyte Girardot, Hélène Alexandridis, Hélène Fillières, Bernard Verley, Sava Lolov, Jean-Baptiste Montagut 167 Min. Filmwebsite
Die junge Constance ist mit dem gut situierten Clifford Chatterley verheiratet. Nachdem der gelähmt und impotent aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrt, pflegt Constance ihn auf dem Schloss der Familie und lebt das eintönige Leben einer Lady. Als sie eines Tages in den Wäldern des Anwesens den Jagdaufseher Parkin trifft, fühlt sie sich von ihm stark angezogen. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Liebesbeziehung.
In Frankreich wurde der Film mit fünf Césars ausgezeichnet, darunter die für den besten Film und für die beste Hauptdarstellerin.
"Pascale Ferrans Ansatz, D.H. Lawrence’ Buch-Klassiker 'Lady Chatterley' weitgehend werkgetreu zu verfilmen, ist im Prinzip biederes Literaturkino", beginnt Jörg Gerle vom Filmdienst seine Besprechung. Gleichwohl habe "die biedere Umsetzung einer inzwischen biederen Geschichte ihre reizvollen Momente. Sie versagt sich der grundsätzlichen Überspitzung in Extreme, ist weder – wie im Theaterbetrieb üblich – grell-bunt und modernistisch noch – wie im Filmbetrieb üblich – episch ausladend, kostümüberfrachtet und betont literarisch. Pascale Ferrans Lady Chatterley ist, neben allen anderen 'Deutungsversuchen' zwischen Pomp und Porno, um Natürlichkeit aus dem Naturalismus heraus bemüht." Das sei "beachtlich und mutig. Mutig nicht nur wegen der unaufgeregten Form, sondern auch wegen der unaufgeregten Sexszenen, die gegen den aktuellen Trend des europäischen Kunstkinos laufen, das eine provozierende Freizügigkeit an den Tag legt." Jedoch hat Gerle auch ein paar "inszenatorische Übertreibungen" ausgemacht, "schwülstig und kitschig mit Hang zur Peinlichkeit", und diese Übertreibungen seien es, "die einen bemerkenswerten Film vom Meisterwerk trennen".
Susanne Ostwald (Neue Zürcher Zeitung) lässt kein gutes Haar an dem Film. Sie kritisiert, dass der "oft unfreiwillig komische, überlange Erotikfilm à la française" den "ausschlaggebenden Hintergrund des britischen Klassendenkens fast vollständig" ausblende. Ferran habe sich, so der nächste Kritikpunkt, konsequent auf die "platte Natursymbolik" der Romanvorlage "eingelassen und ergeht sich in ihrem Film, der fast zur Gänze auf Musik verzichtet, in ebenso langen wie langatmigen Naturaufnahmen". Auch der Umgang mit Sexualität hat ihr nicht gefallen: "Selten jedoch wurde der Liebesakt an sich so lieblos abgefilmt. Ebenso wenig, wie die notorischen 'Stellen' des Romans heutzutage noch Blut in Wallung zu bringen vermögen, wird diese Verfilmung durch besondere Sexyness in Erinnerung bleiben – obschon sie sich stark auf das Thema der Sexualität konzentriert." Es sei, so Ostwald abschließend, "verwunderlich, dass sich eine Frau im Regiestuhl (...) als letztlich desinteressiert am Denken und Fühlen ihrer Hauptfigur erweist, wird diese übrigens zu schöne Lady Chatterley doch nicht zu einer vielschichtigen Figur, sondern bleibt letztlich ein Sexualobjekt. In Frankreich, wo der Film mit fünf Césars ausgezeichnet wurde, ist ein auf erotische Reize fokussierendes Frauenbild im Kino nach wie vor sehr präsent."
"Eine Mischung aus Chereaus Intimacy und der klassischen Merchant-Ivory-Produktion ist Pascale Ferran gelungen: ein hinreißender Historienfilm – und eine radikal moderne Beziehungsstudie, die jenseits von Standesgrenzen und Zeitrücksichten zeigt, was für ein Abenteuer die Liebe ist. Immer." So bejubelt dagegen Christina Tilmann vom Tagesspiegel den Film. Anders als Ostwald findet sie die Darstellung von Sexualität sehr gelungen: "Gerade in dem Moment, in dem Pascale Ferrans Literaturverfilmung (...) die größte Gefahr läuft, zur Pornografie zu werden, gelingt ihr die zärtlichste, zurückhaltendste, schönste Liebesszene." Über eine andere Szene (die nackten Liebenden schmücken sich gegenseitig mit Blumen), die Kollege Gerle als Beispiel für "schwülstige und kitschige" Übertreibungen "mit Hang zur Peinlichkeit" nahm und die Ostwald als "Banalität" abtat, schreibt sie: "Kinderspiele, Kindergesten, eine kindliche Freude auch am Entdecken des anderen Körpers. Peinlich, für Erwachsene? Nein, leuchtend, zärtlich, zauberhaft." Es sei "die große Qualität ihres Films, dass sie ihren Protagonisten dieses Kindischsein gestattet, das pure Anmut ist – und eine Freude an Körperlichkeit, die den Stoff weit über einen Historienfilm hinaushebt."
Anke Leweke (taz) hat einen "sehr schönen Liebesfilm" mit einem "angenehm konzentrierten Erzählrhythmus" gesehen. Der Film lasse "zwei Körper zu sich und zueinander finden", und er lasse sich "viel Zeit dabei": "Beobachtungen vom Rande, impressionistische Eindrücke und unprätentiöse Naturaufnahmen fügen sich zu einer anderen Ordnung. Bei Georges Bataille heißt es, dass die Erotik die Bejahung des Lebens sei. Nichts anderes zeigen die Bilder von Ferran in aller Einfachheit und Klarheit. All das entspricht dem Geist der Vorlage". Die Stärke des Films liege darin, "dass in den Liebesszenen gerade nicht gängige Kino-Codes von Lust und Sexualität dekonstruiert werden. Lady Chatterley ist vielmehr der Versuch, die Körper und Körperteile von ihrem analytischen und konnotativen Ballast zu befreien. Ein Reset der Kinobilder des menschlichen Körpers setzt der Film in Gang. (...) All die Liebesakte in Lady Chatterley wirken wie kleine, in sich geschlossene Erzählungen."
Matthias Heine von der Welt nennt den Film, hübsche Idee, ein "Waldkammerspiel, das sich überwiegend in den Fluren zwischen dem Schloss der Chatterleys und der Hütte des Wildhüters abspielt". Er lobt die Hauptdarstellerin und mag die Liebesszenen: "Die berückende Marina Hands (deutschen Zuschauern bekannt aus Invasion der Barbaren) zeigt wie das Bekenntnis zu ihren Bedürfnissen auch das Bewusstsein der jungen Frau ändert. Als die beiden das erste Mal miteinander schlafen, liegt sie mit dem Gesicht nach oben unter ihm und spielt ganz wunderbar ein Mischung aus Freude, über die exquisiten Entdeckungen, die ihr vernachlässigter Unterleib da macht, und Enttäuschung darüber, dass alles so proletarisch schnell vorbei ist. Gegen Ende hüpfen die Lady und der Wildhüter nackt im Regen durch den Wald – und wenn nicht alles täuscht, hat er sogar noch seine Socken an. Solche Szenen zu spielen, ohne dass es peinlich wird, das ist schon eine Leistung."
Lady Chatterley wurde im Februar mit dem César für den besten französischen Film des Jahres ausgezeichnet. Auch der César für die beste Hauptdarstellerin (Marina Hands) und drei weitere Auszeichnungen gingen an den Film. Mehr dazu in den Agenturberichten bei Spiegel Online, der FAZ und der NZZ.
Lady Chatterley wurde in der Sektion Panorama der Berlinale 2007 gezeigt.
Cristina Nord von der taz zeigte sich positiv überrascht von dem Film: der hätte sich "im Softcore und im Streben nach Skandal und Transgression erschöpfen können“, aber nichts davon sei eingetreten - im Gegenteil, der fast dreistündige Film sei "so zurückhaltend, so zart und dabei so genau, dass man, je länger man Constance Chatterley (Marina Hands) und dem Wildhüter Parkin (Jean-Louis Coulloc'h) zusieht, umso mehr glaubt, den Geheimnissen der Liebe auf die Spur zu kommen.“
Nord hat auch ein Interview (taz) mit Pascale Ferran geführt, über "Buto als Sexszenen-Training, Gartenarbeit und die Kunst, berührende Filme zu machen“.
Daniela Sannwald schrieb im Tagesspiegel, es sei ein "schöner, sensibler“ Film über das "Aufeinanderprallen zweier Kulturen“, der sich daneben "viel Zeit für Naturbeobachtungen“ lasse.
Für Michael Kohler (Frankfurter Rundschau) war Lady Chatterley der "ergreifendste Film des Panoramas", weil er "einen ebenso überraschenden wie überzeugenden Weg findet, das Aktuelle im Alten zu entdecken".
Christina Tilmann vom Tagesspiegel bedauerte, dass Lady Chatterley nicht anstelle von François Ozons Angel als letzter Film des Wettbewerbs gezeigt wurde. Pascale Ferrans Historienfilm im Panorama sei der "leisere, aber weit spektakulärere Film" und ein "würdigerer Abschluss" gewesen.
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