Filmkritik:
The Navigators
GB/D/E 2001 R: Ken Loach D: Dean Andrews, Tom Craig, Joe Duttine, Steve Huison, Venn Tracey, Sean Glenn, Andy Swallow Filmwebsite
Ken Loach fokussiert diesmal den Alltag der Gleisarbeiter der britischen Rail, der sich durch die Privatisierung des Unternehmens zu verändern beginnt. "Die Lebens- und Arbeitsbedingungen werden härter, Konflikte in die Privatsphäre getragen. Wer sich dem Stil der neuen Zeit verweigert, wer auf seine Erfahrung oder seine Rechte pocht, verliert seinen Job. Solidarität wird zum Fremdwort, das Arbeitsamt zur Verwahranstalt, es zählt allein das Zauberwort 'Flexibilität'." Ulrich Kriest vom Filmdienst meint, Loachs Kino sei "durchaus am Puls der Zeit. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, mit welcher Souveränität er realitätsgesättigte Szenen über die Dialektik von Privatheit und Öffentlichkeit, Solidarität und Klassenbewusstsein entwirft. Gerade durch die Genauigkeit der semi-dokumentarischen Szenen, in denen der Film Konflikte am Arbeitsplatz zeigt oder aber einzelnen Figuren in ihr Privatleben folgt, ohne diese Informationen gleich wieder thesenhaft zu verdichten, gelingt es Loach, die Arbeitswelt in ihrer Komplexität zu repräsentieren und diese Repräsentation in ihren Bezüge zum Alltag, zum Privaten politisch zu vermitteln, ohne sofort pädagogische Konzepte oder konkrete Handlungsanweisungen mitzuliefern."
"Das Großartige an seinem Film ist der gelungene Ausschnitt", schreibt Manfred Hermes in der taz. "Loach fährt keine großen Verhältnisse auf, um ein genaues Gesellschaftsbild zu zeigen. Eine kleine Männergruppe, die am unteren Ende einer öffentlichen Dienstleistung zuarbeitet, reicht aus, um die Privatisierungseffekte als schrittweise Verschiebung zu beschreiben, in der sich trotzdem alles mit allem verzahnt. (...) Ist das nicht auch eine Vorlage für schwarzen Humor? Jedenfalls bewahren sich Ken Loachs Figuren einen Sarkasmus, der auch auf seinen Film als atmosphärische Leichtigkeit abfärbt, obwohl seine Aussichtslosigkeiten so schwer wiegen."
Für Daniela Sannwald ( Tagesspiegel) macht das Zusammenspiel des Ensembles "echter Kerle aus Profis und Laien", den Reiz des Films aus: "Mit lakonischen Witzen in schwer verständlichem Dialekt und immer hilfloser werdenden, sparsamen Gesten zelebrieren sie soziale Rituale, die unter den alten Bedingungen funktionierten, im Angesicht der neuen jedoch obsolet werden. So zeigt Loach, wie ökonomische Veränderungen auch den Niedergang einer Sozialkultur nach sich ziehen: Entsolidarisierung als Merkmal des Postkapitalismus."
Hanns-Georg Rodek ( Welt) meint,."The Navigators hat alles, was einen typischen Loach ausmacht. Er verbringt viel Kinozeit auf Arbeit (und wenig im Privatleben seiner Figuren), er hat glaubwürdige Akteure aus dem Milieu (Komiker aus Workers Clubs), sowie einen Die-oder-Wir-Standpunkt (jenen der Arbeiter, denen mit der Arbeit der Stolz genommen wird, um sie ohne ihn zurückzuerhalten). Damit lädt Navigators die Vorwürfe ein, die Loach-Filmen oft gemacht werden: Sie seien didaktisch, dogmatisch, dickschädelig. Doch derart eindeutige Tatsachen fordern derart eindeutige Parteinahme heraus. Das britische Schienenchaos hat es gegeben und gibt es immer noch; überfüllte Züge, verspätete Züge, ausgefallene Züge, entgleiste Züge. Genosse Ken erklärt uns, was Sache ist, und er sagt es klar und hart und mit minimaler Entertainment-Bandage."
Katja Nicodemus ( Zeit) hat sich mit Ken Loach über seinen neuen Film, den Zorn der Globalisierungsgegner, die Verbrechen der CIA und den Vorwurf des Antiamerikanismus unterhalten.
Die Ironie, mit der Loach seine engagierten Beobachtungen transportiert hat Bodo Fründt ( Süddeutsche Zeitung) gefallen. Sein neuer Film ist aber nicht mehr die "leichte britische Komödie mit gesellschaftlichen Bezügen, wie sie in dem vergangen Jahrzehnt europaweit reüssierte". Das wäre zu wenig. "Loach macht es sich und seinem Publikum nicht einfach, gibt keine simplen Antworten – verschweigt aber auch nicht den Preis des so genannten Fortschritts: Am Ende bleibt ein Toter auf der Gleisstrecke und alle anderen, die durchs Leben navigieren, ob Arbeiter oder Manager, sind irgendwie vom Gleis abgekommen."
Jan Distelmeyer von der Frankfurter Rundschau schließt sich dem allgemeinen positiven Tenor an und lobt noch einmal das "großartige Ensemble aus Schauspielern, Eisenbahnern und (Freizeit-)Komikern".
Eine weitere Kritik finden Sie bei artechock.
Infos zu diesem Titel
• Sprache: Englisch
• Import, PAL, Widescreen
• Laufzeit: 92 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 22. April 2002
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