Filmkritik:
My Summer of Love
GB 2004 R: Pawel Pawlikowski D: Natalie Press, Emily Blunt, Paddy Considine, Dean Andrews, Michelle Byrne, Paul-Anthony Barber, Lynette Edwards, Kathryn Sumner Filmwebsite
Zwei Mädchen aus unterschiedlichen sozialen Milieus verlieben sich ineinander. Dabei sei "das Spielerische in dieser Beziehung (...) stärker ausgeprägt als das Sexuelle", schreibt Blickpunkt:Film. "Humorvoll und ohne Voyeurismus beobachtet der Film (...) die Mädchen bei ihrer kleinen Rebellion gegen Umfeld und Alltag." Die beiden Hauptdarstellerinnen spielten ihre Figuren "mit großer Natürlichkeit" und der vom Dokumentarfilm kommende Regisseur vermittele "Unmittelbarkeit und Authentizität" in einer etwas spröden Filmsprache, die "mit vielen Close-ups" eher an eine "TV-Ästhetik" erinnere.
Alexandra Wach vom Filmdienst ist ziemlich begeistert und empfiehlt den Film so anzusehen, "wie man ein Gedicht liest - ohne jene einengende Konzentration auf das sonst übliche Dekor des Genres -, um seine Aura zu genießen.(...) Demonstrativ zeitlos erzählt Pawlikowski seine magisch aufgeladene Geschichte, eingetaucht in satte, überreife Farben einer sinnlichen Natur, die das Seelenleben der Figuren widerspiegelt." Die Kamera sei "über weite Strecken brillant" und auch die "atmosphärisch dichte Musik (...) trägt zu einem traumähnlich entrückten Tonfall bei, der die riskante Suche nach Intensität und Grenzüberschreitung beklemmend erfahrbar macht."
Antje Schmelcher von der Welt schreibt, Pawel Pawlikowski beobachte "seine Schauspielerinnen mit der Intensität des Dokumentarfilmers" und verwische "die aktuellen Bezüge bis zur Unkenntlichkeit. Daraus entsteht eine Intensität, die einen unverstellten, fast unschuldigen Blick auf die Charaktere möglich macht."
Hans-Jörg Rother vom Tagesspiegel war nicht so ganz glücklich darüber, dass die politischen Bezüge aus Helen Cross' Vorlage im Film keine Rolle spielen. "Gereinigt vom 'Zeitgeist', den Pawlikowski nicht mag, und von allen sozialen Misstönen, über die man lieber nicht spricht, kann sich My Summer of Love als reines Herzensdrama nahe am Kitsch entfalten." Aber auch er spricht von Pawlikowskis unzweifelhaftem "Regietalent" und der "herausragende(n) Begabung von Nathalie Press".
Philip Bühler von der taz schienen Pawlikowskis Bilder für das Verhältins der beiden Mädchen "aus einer Zeit (zu) stammen, in der man mit sexuellen Zuschreibungen anders umging" und er fand es bemerkenswert wie sie den Realismus der übrigen Szenen kontrastieren. Die Schauspielerinnen seien hervorragend und im Ganzen sei es ein Film "wie das Gesicht von Natalie Press, von englischer, aber sicher nicht vornehmer Blässe. Mit vielen Sommersprossen als Farbtupfern. Aber auch ein Film wie die von Alison Goldfrapp ("Utopia") eingespielte Musik: ein kontrolliertes, sich der Filmgeschichte ein wenig zu bewusstes Schwärmen."
Heike Kühn von der Frankfurter Rundschau schwärmt, es sei "der schönste Sweet-Sixteen-Film seit langem". Besonders berührend fand sie, dass der Film "aus der Perspektive des Vergänglichen gedreht ist. My Summer of Love scheint zu atmen, es ist ein Film, dem das Herz seiner traumhaft spielenden Darstellerinnen im Leibe schlägt, und doch liegt über den Bildern ein unsichtbarer Filter, ein Hauch von Vergänglichkeit und Wissen: Es kann nicht so weitergehen." Der Film vermeide die Stereotypen der "amerikanischen Mainstream-Filme" in dem er die Aufstiegschancen der aus armen Verhältnissen stammenden Mona realistisch einschätze, die Trennung am Ende aber auch nicht überdramatisiere: "Das Unterschichtengirl ist entwicklungsfähig und tappt nicht in die Fallen von Unwissenheit und Unbeherrschtheit."
Volker Mazassek ( Frankfurter Rundschau) fühlte sich an Bilitis erinnert: "Pawlikowski ist zwar Lichtjahre entfernt vom Kitsch David Hamiltons, doch was die Inszenierung leicht verrätselter, erotisch grundierter Stimmungen angeht, kommt er ihm nah. Der Sommer der Liebe nimmt allerdings sehr handfeste und schmerzhafte Wendungen."
Birgit Roschy von epd film schreibt: "Das Originelle an dem Film ist sein Sinn für Doppelbödigkeiten und eine düstere Ironie, die Sentimentalitäten oder gar David- Hamilton-Kitsch von vorneherein ausschließen. (...) In der intelligenten Schlusspointe, die Mona und ihren märchenhaften Sommer kopfüber auf den Boden der sozialen Tatsachen stellt, wird auch der Zuschauer, der so kunstvoll eingelullt und in ihre Welt hineingelockt wurde, auf heilsame Weise entzaubert."
Marli Feldvoss von der NZZ hat eine Coming-of- Age-Story gesehen, die" pubertäre Unsicherheiten und Zweifel mit der atmosphärischen Dichte einer Landschaft und ihren Lichtspielen überdeckt", dabei "nur Stimmungen erzeugen, niemals tief schürfen will".
Das halte den Film "in der Schwebe und stellt ihn in die Nachfolge der geheimnisvollen Rivette-Filme".
Infos zu diesem Titel
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 5.1)
• Bildformat: 16:9, 1.85:1
• Dolby, Surround Sound, PAL
• Laufzeit: 84 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 16. März 2006
• Produktion: 2004
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